Wir haben verloren! Den Krieg, unsere fünfhundert Morgen oder mehr in Hinterpommern, die Dreizimmerwohnung in Berlin-Wilmersdorf, das Bankkonto in Leipzig und unsere letzten Papiere im Girosammeldepot, unsere in den damaligen Luftschutzkeller des Reiches, Schlesien, evakuierten Anzüge und vieles, vieles andere. Der eine mehr, der andere weniger. Aber etwas, das wir fast alle verloren, haben, nicht nur im Verlaufe der Bombenangriffe, im Zuge der vorstürmenden feindlichen Armeen oder als Folge des Krieges überhaupt, sondern schon lange, viel länger verloren und vergessen haben, das scheint mir die Achtung zu sein. Ich meine nicht die Achtung der Welt und deren Völker – die haben wir fürs erste verspielt –, nein, ich meine die Achtung vor allem Großen und Erhabenen! Die Achtung vor Gott, die Achtung vor dem Ewigen! Die Achtung vor dem Alter! Die Achtung vor der Leistung! Die Achtung vor dem Wert und der Persönlichkeit des indem, unseres Nachbarn! Die Achtung vor der Pfau wie die Achtung vor unseren Eltern! Wir haben sie nicht verloren, denn sie wurde uns gekommen. genommen durch Parolen, Ideen und Weltanschauungen, die man in uns hineinpflanzte und in uns zu verankern suchte. Jugend voran – das Alte ist verstaubt und verkalkt –, eure Väter und Großväter haben versagt – ihr seid die Männer der Gegenwart und der Zukunft – macht’s besser Als eure Väter – so und ähnlich lauteten die Parolen, die man uns zurief.

Wir glaubten vielleicht daran und wußten nicht, wie schwer wir es haben würden und wie weit wir noch davon entfernt waren, es unseren Vätern, Großvätern und Vorfahren gleichzutun, geschweige denn es etwa besser zu machen. So wurde uns die Achtung vor denen, die uns als Vorbild dienen sollten, ebenso geraubt und genommen, wie man uns die Achtung vor Gott und seinen eingeborenen Sohn zu nehmen versuchte. Wir müssen nun trachten, die Achtung zurückzugewinnen, um die Achtung vor uns selbst zu erlangen. Aber auch die Achtung vor dem Wert der Persönlichkeit des andern, die Achtung vor seiner Religion, vor seinem Glauben, wurde sie nicht auch uns genommen in einer Zeit, da nur ein Glauben, ein Geist und eine Richtung Geltung und Wert haben sollte? Diese Achtung wiederzufinden und zu gewinnen scheint uns mehr wert als unsere verlorenen Anzüge oder das Schlafzimmer in Eiche, das wir einstmals besaßen. Diese Achtung ist die Grundlage des Verständnisses der Menschen untereinander wie der Völker und darum eine feste Grundlage des Friedens – die Achtung vor dem andern. Es wäre friedlicher und schöner auf dieser Welt, hätten wir fast alle diese Achtung nicht verloren; fangen wir darum, in unseren vier Wänden zu Hause an, sie wiederzugewinnen, dann ist schon viel, geholfen. Sie wird sich fortpflanzen und uns zur neuen Weltanschauung werden. Sch.