DIE ZEIT Wirtschaft

Angenommen, Deutschland habe, nach dem sogenannten Industrieplan, die Erlaubnis erhalten, jährlich 1000 neue Lastkraftwagen zu bauen. Wäre es dann nicht selbstverständlich, daß die Planung auf einen modernen Typ hinauskäme, der "wirtschaftlich", ist, also einen verhältnismäßig geringen Betriebsstoffverbrauch je Tonnenkilometer aufweist? Was würde die Kontrollkommission dann wohl zu der Forderung sagen, daß aus Gründen der (militärischen) "Sicherheit" ein veralteter, weniger wirtschaftlicher Typ zu wählen sei, ein Modell etwa aus dem Jahre 1926? Man wird sich kaum vorstellen, daß eine derartige Forderung mit Erfolg vertreten werden könnte.

Aber bei dem geplanten Bau von 100 Fischdampfern hat sich tatsächlich dieser Einwand ergeben; er bildet zur Zeit die einzige Klippe, an dem das Bauprogramm noch aufgehalten wird. Es geht darum, ob die Dampfer 350 oder 500 BRT groß sein dürfen, ob die Geschwindigkeit 10,5 oder 12 Knoten, der Bunkerraum 180 oder 250 Tonnen, der Fischladeraum 2500 oder 4200 Zentner groß sein darf. Der zugebilligte kleinere Typ mit 600 PS Maschinenleistung ist derjenige, von dem man in Deutschland etwa 1929 abgekommen ist, als man dazu überging, den größeren Typ mit 750 PS zu bauen – ein Schiff, das einen erheblich größeren Aktionsradius hat, das heißt also über das "nasse Dreieck" der Nordsee hinaus bis in die reicheren Fischgründe des Nordmeeres fahren kann, das weniger wetterabhängig ist und-mit dem Netz in größeren Tiefen zu arbeiten vermag.

Offenbar spricht alles dafür, zu dem leistungsfähigeren 750-PS-Schiff zu kommen – nur der Einwand der "Sicherheit" spricht dagegen. Um dieselben Fangergebnisse zu bringen, wie sie die 100 neuen Fischdampfer bei vernünftiger Schätzung jährlich schaffen würden, müßten so viele kleinere Schiffe mehr eingesetzt werden, daß allein ein jährlicher Mehrverbrauch von 100 000 Tonnen Kohle erforderlich wäre. Entsprechend ist der Mehrbedarf an "Geschirr", an der Ausrüstung mit Netzen und sonstigem Fanggerät. Nicht nur der laufende Betrieb ist teurer, auch der Kapitalaufwand, um ein gleiches Fangergebnis zu sichern, liegt höher. Zur Unwirtschaftlichkeit, die sich in etwa 50 v. H. höheren Fangkosten je Gewichtseinheit (und entsprechend höheren Preisen für den Verbraucher) auswirkt, kommt der Nachteil, daß vermutlich bald eine Überfischung der nahegelegenen Nordseefischgründe eintreten wird, die allein mit solchen Schiffen kleineren Typs aufzusuchen sind, und der weitere (soziale) Nachteil, daß die Besatzung nicht annähernd so gut untergebracht werden kann, wie das auf den Schiffen des größeren Typs möglich und üblich geworden ist.

Die Werften warten. Für 38 Dampfer des 500-BRT-Typs könnte sofort mit der Kiellegung begonnen werden; da das Baumaterial vorrätig ist, würden sie in etwa einem halben Jahr fertiggestellt sein können, und bis 1950 könnte das ganze Bauprogramm abgewickelt sein. Jetzt sind wir weitgehend auf ausländische Fischzufuhren angewiesen; um sie zu bezahlen, müssen wir für eine Tonne Fisch etwa 20 Tonnen Kohle exportieren – die eigene Fischereiflotte bringt für eine Tonne Kohle etwa auch eine Tonne Fisch herein. Anfang August schon ist die Zusage gegeben worden, daß die hundert neuen Schiffe gebaut werden können, die ja auch deshalb gebraucht werden, weil die uns verbliebenen Fischereifahrzeuge zur guten Hälfte über 25. Jahre alt sind, also die normale Lebensdauer eines solchen Fahrzeuges längst überschritten haben – Schiffe, unwirtschaftlich im Betrieb, reif zum Abwracken. Nun ist es Oktober geworden; über zwei Monate sind in ergebnislosen Verhandlungen dahingegangen, und noch immer steht die Entscheidung aus, welcher Typ gebaut werden darf. Eine Jahresquote von 12,5 kg Fisch pro Kopf der Bevölkerung wurde uns zugebilligt, entgegen dem russischen Einspruch, der – jedenfalls auch aus "Sicherheitsgründen" – nur eine Quote von 4,5 kg gelten lassen wollte. Diese Quote wird trotz der hohen Auslandszufuhren, die ein gutes Viertel des Gesamtverbrauchs liefern sollen, illusorisch bleiben, wenn die Werften nicht bald mit dem Bau der hundert Dampfer beginnen können. E. T.