Von Friedrich Knapp

Ist es erlaubt, das Gedächtnis Bruckners mit etwas Alltäglichem zu beginnen? – Als mein Vater, ein junger musikbegeisterter Mensch, aus seinem heimatlichen Landstädtchen am Ende der 70er Jahre nach Wien kam, da war der bittere Kampf um den "Schullehrer aus Ansfelden" aufs heftigste im Gang: hie Hanslick-Brahms, hie Wagner-Bruckner! Die Majorität bei jenen, die Minorität bei diesen. Oft pflegte mir mein Vater von jener Zeit und von seinen bescheidenen Erlebnissen mit Bruckner zu erzählen. Wie der weltfremde schüchterne Mann aussah – das ovale behagliche Gesicht mit der mächtigen Nase und den beherrschenden, immer ins Weite schauenden und fragenden Augen, die kurze Gestalt in unmöglich weiten und saloppen Kleidern, den Blick am Boden oder in die Höhe gerichtet, so daß es immer wieder Zusammenstöße auf der Straße gab. Von seiner Lebensführung in zwei allereinfachsten Zimmerchen, wo zuweilen die wenigen Freunde, Schüler, Anhänger sich zwischen überladenen Tischen mit Manuskripten, Büchern, Bauernbrot und Speckstückerln und Kaffeetassen, den wenigen Möbeln zusammendrängten. Von den Abenden in einem gemütlichen Beisel, wo sich nach dem Nachtmahl endlose Gespräche entwickelten – wie Bruckner stumm an seiner Zigarre "suzzelnd" oder aus einer großen Dose schnupfend, dasaß und nur zuweilen in seiner unverblümten oberösterreichischen Mundart sehr lapidar seine Meinung sagte, im ganzen sich aber mehr für "Gselchts mit Grießknödeln Und Kraut" als für Theorien über moderne Musik interessierte. Wie die teilweise Uraufführung seiner Sechsten Symphonie (1883) und mehr noch seines Tedeums (1885) zu einem das ganze Leben durchklingenden Eindruck von Schönheit und Kraft, Sehnsucht und Glaube wurde – indes Hanslick und die Seinen durch ihre bissigvernichtende Kritik die "Brucknerianer" erst recht bestärkten. Wie es Bruckner immer wieder in sein heimisches Landnest und nach dem geliebten St. Florian zog – wie er eines Nachts im Westbahnhof auf meinen Vater zuging: "Schaun’s, jetzt hob’ i mei Geld zuhaus vergessen; leichn’s ma halt fünf Gulden, daß i hoam kim!" (Und daß ihm Bruckner in seiner Vergeßlichkeit die "fünf Gulden" schuldig blieb, darauf war mein Vater lebenslang stolz.) Wie dann der kleine große Mann und mein andachtsvoller Vater stundenlang, allein im Abteil, stumm durch die Nacht fuhren, bis Bruckner nach einem langen Atemzug murmelte: "Dö Stern!" Diese zwei Wörtchen, meinte mein Vater, seien für ihn der höchste Ausdruck Brucknerschen Wesens geblieben, in tausendfachen Klängen seiner Musik wiederkehrend.

Ich könnte noch manches Anekdotische erzählen, könnte berichten, wie mich mein Vater zu den Bruckner-Festen nach St. Florian mitnahm, wie ich unter der brausenden Orgel an Bruckners Sarkophag in der Stiftskirche stand, indes die vielen Menschen von seiner Musik wie auf einer einzigen Woge hinausgetragen wurden in das Meer der Ewigkeit... Aber heute gilt es, vom Persönlichen zum Allgemeinen, von der Erinnerung zur dauernden Erscheinung fortzuschreiten. –

Am 4. September 1824 kam Anton Bruckner vor elf Geschwistern als Sohn des Schulmeisters in Ansfelden zur Welt, einem kleinen Dorf im bukolischen Hügelland zwischen Donau und Voralpen. Nach einer materiell höchst armseligen, geistigseelisch ungemein reichen Kinderzeit kam der junge Schullehrer in einen Weiler im Böhmerwald – mit einem Monatslohn von zwei Gulden, der durch Hilfsarbeit beim Bauern und durch Aufspielen zum Tanz aufgebessert werden mußte; seinem Vorgesetzten erschien er "verrückt"; seine ehemaligen Schüler sagten, er sei "gar so gut und kindlich" gewesen. 1849 wurde ihm sein Herzenswunsch erfüllt – Organist in St. Florian. Mit einem "Fleiß, den keine Mühe bleichet" war er am Werk: zehn Stunden Orgel, drei Stunden Klavier am Tag! Von 1856 bis 1868 war er Domorganist in Linz; und just in jenen Jahren, da nach manchem schönen Versuch die ersten großen Werke entstanden, erlitt erschwere psychische Niederbrüche voll Melancholie und Skrupel, ob er denn wohl berufen sei, Bedeutendes zu schaffen. 1868 wurde seine Erste Symphonie aufgeführt – ein Durchfall. Aber im selben Jahr wurde er zum Professor für Generalbaß, Kontrapunkt, Orgel am Konservatorium in Wien ernannt. "Muß ich halt aus der Welt geh’n!" sagte er, auch ein recht bezeichnendes Wort in diesem Zusammenhang. Es kamen Orgelreisen nach Paris und London, kurze Unterbrechungen zwischen intensivstem Schaffen. So kamen die ersten Erfolge in München und Leipzig und wieder Niederlagen in Wien. Es kam ein Aufhorchen der Welt durch das Tedeum ("O. A. M. D. G." – omnia ad majorem Dei gloriam – schrieb Bruckner auf das Titelblatt). Es kamen Dank und Anerkennung zum siebzigsten Geburtstag. Und es kam die Wassersucht, wie bei Beethoven. "Der Bruckner wird alt und möchte doch gern noch die f-moll-Messe hören! Bitte, bitte!" schrieb er an seinen Freund, den Dirigenten Ochs. Hugo Wolf besuchte Bruckner noch in dessen letzten Tagen: "In einem einfachen Metallbett und in die Kissen halb vergraben, so lag er mit schmalgewordenem blassem Antlitz, den Blick unbeweglich zur Decke gerichtet, auf den Lippen ein verklärtes Lächeln und sie wie zu seligem Gesang leise bewegend, die ganz abgezehrte rechte Hand schlug auf der Bettdecke mit ausgestrecktem Zeigefinger den Takt zu einer Musik, die nur er zu hören vermochte und die er mit in die Ewigkeit hinübergenommen hat."

Versuchen wir das Wesensbild des Mannes kurz zu bezeichnen: seine Menschenscheu, seine Bescheidenheit und Schüchternheit, seine bäurische Art, sein Mangel an Ellbogengeschick – das sind bloß die Akzedentien seines Charakters; sein Eigentliches und also das Wichtige waren eine echte Kindlichkeit und im Zusammenhang damit eine innerste Reinheit, Naivität und damit auch Klarheit, geistige Kraft und zähe Energie, ein ungewöhnlich starkes Naturgefühl ohne alle Sentimentalität, ein fröhliches Herz, das den einfachsten Freuden des Daseins zugetan war; doch das Grundgefühl seines Wesens war Ehrfurcht (und hier ist die tragende Brücke zu Stifter; auch ihm galt Ehrfurcht als das Hauptelement wahrhaft menschen würdigen Daseins.

Damit ist man nahe an die Mitte von Bruckners Leben und Werk gekommen: seine Gläubigkeit, sein Christentum. Es war ein dogmatisches Christentum, und Bruckner war zeitlebens der allertreueste Sohn der Allgemeinen (katholischen) Kirche. Er war es spontan, ganz unreflektiert, mystisch nicht im individuellen, sondern im "klassischen" Sinn, nicht auf "Rettung" des eigenen Ichs, vielmehr allein auf die Anbetung Gottes bedacht. Kurzum, dies Seltene und Kostbare, die volle Harmonie von Natur und Gnade war in ihm wieder einmal in der Geschichte des Abendlandes in die Erscheinung getreten. Und eben diese Harmonie machte es selbstverständlich, daß Bruckner auch ein allen Kräften und Säften seiner engeren Heimat aufs innigste verbundener fröhlicher Mensch war. Sehr im Gegensatz zu den meisten Genies der Moderne war er "bei sich selbst zu Hause": inmitten des individualistischen neunzehnten Jahrhunderts ein Genie und ein Mann, der sich selbst nie zum Problem und zum Abgrund wurde. So ist Bruckner auch musik- und geistesgeschichtlich eine Erscheinung für sich. Wohl war er in die deutsche Romantik aufs engste verflochten, aber ihre kränkliche Weitabgewandtheit, ihr Versponnensein blieben ihm fremd; wohl gab es in Persönlichkeit und Werk Beziehungen zu Wagner, aber im Gegensatz zu diesem zielte Bruckner nie auf den Effekt, immer auf Wahrheit, Erkenntnis, Erhebung. Wohl faßte er die ganze musikalische Entwicklung von Haydn über Beethoven zu Wagner in sich zusammen, und dennoch ist er kein "Fortsetzer". Er war und ist unter all den Neueren – man möchte fast sagen: der eine, einzige, der das Alte und Wahre noch einmal zum vollen Klang brachte – "ebenso reich an verdüsternden Stimmungsströmungen wie all unbeschreiblichen Aufschwüngen".

Was ist Bruckner uns? Was sollte er uns sein? Der fünfzigste Tödestag sollte nur der äußere handsame Anlaß für unsere Wendung zu Bruckner sein. Daß wir tiefere Ursache haben, sein Werk zu suchen, liegt wohl daran, daß wir ganz anders als seine Zeitgenossen den Urfragen des Daseins erschlossen sind oder uns doch erschließen könnten.