Von Horst Lange

Die Wahrheit der Zusammenhänge und der Konsequenzen gibt sich niemals direkt kund. Es ist so, als wollte sie den Menschen dadurch, daß sie ihm ihr strenges und unerbittliches Antlitz undeutlich macht und verhüllt, nicht erschrecken, ihn, der Schrecknissen genug ausgesetzt ist und dem das Medusenhaupt der Fragwürdigkeit allerorten entgegenblickt, wohin er sich auch wendet...

Im Nebensächlichen und Kleinen verraten sich die Defekte des Großen. Das, was den Anschein erwecken will, gewaltig und unvergleichlich zu sein, was sich selbst auf blasphemische Weise in die Nähe des Ewigen zu rücken versucht, wird oft in einem Augenblick entlarvt und seiner angemaßten Bedeutung entkleidet.

Der Bruchteil einer Sekunde erweist mitunter, daß das Gesunde morbid, das Heroische voller Feigheit, das vermeintliche Absolute voller Relationen ist. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß man die Lügen nicht durch die Elemente der Logik, sondern durchs Gehör und durch die akustische Unbestechlichkeit am deutlichsten wahrnimmt. Am Telephon: die Stimme der Lügnerin, der vertraute und geliebte Tonfall; dessen Melodik du immer wieder erlagst, er senkte sich auf eine kaum wahrnehmbare Weise, vielleicht um einen Sechstel-, vielleicht um einen Viertelton, wenn sie begann, im Vertrauen auf die Macht, die sie über dich gewonnen hatte, dich mit Unwahrheiten abzuspeisen. Du warst bereit, ihr Glauben zu schenken, auch dann noch, als sie log, entgegen deinem eigenen Gewissen und deiner klaren Einsicht. Aber der Tonfall ihrer Stimme war nicht zu schminken, und dein Gehör nahm den Verrat, den sie an dir beging, wahr, noch ehe du Beweise dafür hattest, daß du verraten worden warst. Wieviel gehäufter Verrat liegt in der einfältigen Formel "Ich liebe dich..." bereit!

Augenblicke, Momente, in denen der Blick des Auges, des irdischen weniger als des geistigen, das sich der Iris und der Netzhaut bedient, die verwirrende Vielfalt des Wesenlosen durchdringt, um dorthin zu gelangen, wo das Wesenhafte beginnt. Die Wahrheit über den Menschen und die menschlichen Verhältnisse kann nur außerhalb der irdischen Sphäre, die so trübe und unklar ist, gesucht und gefunden werden. Supponieren wir, daß sie in Gott beschlossen ist, und glauben wir daran!

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Die Uhr auf dem unbeschädigten Turm der großen Barockkirche, die im stäubenden Vormittagsregen, der bald zu Ende sein wird, viel baufälliger aussieht, als sie in Wirklichkeit sein mag, weist 6 Uhr 35 Minuten. Damit ist der Augenblick jetzt noch, mehr als ein Jahr, nachdem es sich ereignete, fixiert, in dem die Vernichtung vom Himmel fiel, sausend, mit jenem hohlen Pfeifen, das uns jetzt noch mitunter sehr genau in den Ohren ist und von dem der so unexakt gewordene Volksmund meinte: "Es orgelt", die rasch zuschlagenden Fäuste, die die Häuser und Straßenzüge ringsum erbarmungslos zermalmten. War nicht die Perfektion des unmenschlichsten Krieges darin beschlossen, daß die Bedrohung, die allnächtlich über uns hing, eine Gefährdung aller, auch derer, die unschuldig waren oder sich sicher fühlten, bedeutete? Wurde nicht selbst das Element als Waffe mißbraucht, die sanftmütige Luft, die, wenn sie geballt anprallte oder fortsog, noch bestialischer sein konnte, als es Phosphor, Stahlsplitter und Sprengstoff waren? Der Zeiger hoch über der Straße, auf den niemand mehr achtet, weist auf 6 Uhr 35 Minuten, vergeblich hält er im Strom der Zeit diesen Augenblick fest, der über so vieles entschied, was ringsum lebte, über kleinbürgerliche Stuben, über dunkle Küchen mit sorgsam gesparten Vorräten, über Läden, deren Regale längst leer geworden waren, über Dachkammern, die so oft den unstillbaren Hunger einer verschwiegenen und leidenschaftlichen Liebe gesehen hatten, über Vogelbauer, Bücherregale, nachgedunkelte Bilder, gehäkelte Spitzendecken, über Spiegel und Standuhren und tausenderlei Andenken und über das verängstigte Leben von Menschen, die in den Kellern zu zittern begannen, als die Einschläge näher kamen... um 6 Uhr 35 Minuten hatte über alledem die Stunde des Gerichts und der Verdammnis geschlagen...