Zur Aufführung im Deutschen Schauspielhaus, Hamburg

Barlachs Stücke sind schwer zugänglich. Wie bei seinen Plastiken und Zeichnungen das Stirnmungsmäßige stärker ist als die künstlerische Form, so überwuchert bei den Schauspielen das Märchenhafte und Romantisch-Poetische die Klarheit der Gedanken, das allgemein Andeutende die Strenge des Ausdrucks. Für manchen liegt in dieser Dunkelheit der Aussage ein besonderer Reiz. Sie kommt einer allgemeinen Neigung der Deutschen entgegen, unklare Bilder der Sprache für tiefsinnig zu halten, was besonders der Kunstrichtung des Expressionismus Vorschub lieh. Doch versöhnt bei Barlach immer wieder in einzelnen Szenen eine wirklich dichterische Gewalt, ein echtes ursprüngliches Gefühl, das sich zu großartigen Visionen steigern kann. Die eigentliche Konzeption allerdings, der Grundgedanke, der im Aufbau zutage treten sollte, bleibt leicht verborgen.

Das Thema der Sündflut kreist um die Gedanken der Prädestination. Dem Knecht Gottes, Noah, ist Calan gegenübergestellt, der Räuber, der Vertreter des triebhaft Bösen, des Prinzips der ruchlosen Gewalt. Er wird ausgetilgt, doch mit ihm auch der unschuldige Hirt, dem er die Hände hat abhauen lassen, und der aussätzige Bucklige, den Gott zum Abscheu der Menschen geschaffen hat, und der doch Mitleid verdienen müßte. Noah wird gerettet, obgleich er mitunter gegen Gottes Gebote handelt, und mit ihm seine Söhne, die hemmungslos brünstiger Leidenschaft hingegeben sind und von denen einer eine Gottlose zum Weib erwählt hat. Calan verteidigt den Gedanken, daß auch das Böse von Gott geschaffen, alle Kreatur also göttlich sei. Daraus entnimmt er das Recht, selbstherrlich zu leben und wahllos gute und schlechte Handlungen zu begehen. Noah predigt die Ergebung in Gottes Willen, die Pflicht zu frommer Dankbarkeit, und leitet aus dieser Haltung das Recht ab, hart und mitleidlos gegen seine Mitmenschen zu sein. Somit wäre eine fruchtbare Antithese geschaffen: mit dem Bösen gehen auch Schuldlose zugrunde, gerettet werden Gerechte, die nicht alle und immer gerecht sind. Aber Barlach hat Gott selber eingeführt, sehr poetisch, wie er als Reisender oder Bettler durch die Welt wandert, allein erkannt von seinen Engeln. Hier waren dem Dichter, da es nun einmal um die Prädestination geht, zwei Möglichkeiten gestellt, er konnte mit der großartigen Konsequenz Luthers Gott selber den freien Willen nehmen, ihn gebunden sein lassen an den eigenen Schöpfungsakt, unfähig, Auserwählte zu verdammen oder Verdammte zu erlösen; er hätte ihn auch rätselhaft erscheinen lassen können, in seinen Entschlüssen unerforschlich für menschliche Erkenntnis. Aber was Gott bei Barlach redet, ist banal, und der Dichter schwankt in seiner Entscheidung, ob er ihn allmächtig oder gebunden sein lassen soll. Damit fällt der Sinn des Stückes ins Bodenlose. ‚Was bleibt, sind eine Reihe dichterisch empfundener Situationen und einzelne Gestalten, die wie Holzschnitte aus alten Buchillustrationen und Volksmärchen anmuten.

Die stärkste Figur ist – das liegt in der Anlage des Stückes – Calan, die Verkörperung des Bösen. Schon dadurch, mehr aber noch durch seine vorzügliche Kunst der Darstellung beherrschte Werner Hinz die Szene. Die übrigen Figuren bleiben im Vergleich dazu blaß. Hans Tügel, der die Regie führte, hatte sie klugerweise ganz in der Art Barlachscher Plastiken oder Zeichnungen stilisiert, und dieser Intention fügten sich Schauspieler und Schauspielerinnen willig und geschickt, so daß das Bild der Aufführung einheitlich war. Auf gleichen Spuren wandelte auch Karl Gröning, der die Bühnenbilder schuf, doch wäre es wohl besser gewesen, wenn er Barlachscher Eintönigkeit nicht so weit gefolgt wäre und einen schärferen Kontrast zwischen den Tagen der Dürre und denen der strömenden Flut in Farbe und Licht herausgearbeitet hätte. Martin Rabe