Der Nationalökonom F. A. Hayek ist im Jahre 1930 als Vertreter der österreichischen-Schule von Wien nach London berufen worden und derzeit Professor an der London-School of Economics, Mitherausgeber des "Economic Journal" und der "Economica" und gleichzeitig Mitglied der British Academy of Sciences. Sein Buch "The Road to Serfdöm" ist im Jahre 1944 erschienen und 1945 in deutscher Übersetzung unter dem, Titel "Der Weg zur Knechtschaft" im Eugen-Rentsch-Verlag, Erlenbach-Zürich, herausgekommen. Das interessante Buch ist ein Beweis dafür, daß die Frage der Vermassung, des Verhältnisses also, in dem Individuum und Masse zueinander stehen, auch in England ernsthaft diskutiert wird.

Hayek steht auf dem Boden der klassischen liberalen Theorie und analysiert von daher die geistige und ökonomische Situation der Zeit. Er kommt dabei zu der eigenartigen Feststellung, daß der Sozialismus als kollektives Prinzip die Antithese der politischen Freiheit sei und darum zwangsläufig den Totalitarismus zeitigen müsse. Es ergibt sich daraus die überraschende Feststellung, daß Sozialismus und Demokratie miteinander unvereinbar seien.

Sein Buch, das im Jahr 1944 in England erschienen ist, hat dort großes Aufsehen erregt. Es ist ein Buch, das manchen Widerspruch herausfordert und zugleich in mancher Hinsicht anregend ist, weil es alle hergebrachten Anschauungen auf den Kopf stellt: Sozialismus ist plötzlich nicht mehr eine geschichtliche Realität, sondern ein intellektueller und ökonomischer Irrtum, der Anfang vom Ende; und das System des "laisser-faire", das freie Spiel der Kräfte, nicht etwa eine Utopie oder ein ideales "Denkschema", sondern Ziel, Forderung und höhere Wirklichkeit zugleich.

Hayek stellt einander gegenüber: die freie Konkurrenzwirtschaft, in der Angebot und Nachfrage den Preismechanismus bestimmen, wodurch die Wünsche der Konsumenten mit dem Produktionsprogramm der Unternehmer in Übereinstimmung gebracht werden, und das "militärische" System der Planwirtschaft, in dem bewußte Organisierung der Produktion, der Verteilung und des Arbeitseinsatzes unter einem bestimmten sozialen Aspekt erfolgen. Nicht die Individualwünsche sollen hierbei befriedigt werden, sondern "Gemeinwohl" und "Gesamtinteresse" sind entscheidend. Um ein solches vorgezeichnetes Ziel zu erreichen, muß ein bestimmter Plan aufgestellt werden, weil man den Gang der Wirtschaft nicht den Zufällen und Launen verantwortungsloser Individuen überlassen kann. Ein Wirtschaftsplan kann aber ebensowenig wie ein Feldzugsplan demokratisch entworfen werden. Man kann wohl einzelne autoritäre Maßnahmen demokratisch beschließen, aber nicht eine Planwirtschaft auf diese Weise kontinuierlich Steuern, sie setzt vielmehr immer ein autoritäres Moment voraus. Darum, so folgert Hayek, sind Demokratie und Planwirtschaft unvereinbare Dinge, denn diejenige Gruppe, die den Plan entwirft, wird ihre Moralbegriffe und ihre Wertskala der Allgemeinheit aufzwingen.

Die Demokratie soll die Freiheit des Individuums garantieren und kann darum nur in einem liberalen System. gedeihen. Eine wirkliche "Diktatur des Proletariats", die die zentrale Leitung des Wirtschaftslebens in die Hand nimmt, würde, so sagt Hayek, ungeachtet etwaiger demokratischer Formen die persönliche Freiheit wahrscheinlich ebenso restlos austilgen wie je die schlimmste Autokratie.

Die bewußte Lenkung des Wirtschaftslebens erfordert den Verzicht auf persönliche Freiheit zugunsten eines gemeinsam geplanten Zieles. Ein solcher Plan bedarf nach seiner Meinung zur Rechtfertigung in erster Linie nicht vernünftiger Überlegungen, sondern erfordert vor allem das Bekenntnis zu einem bestimmten Glauben. Daraus resultiert die Notwendigkeit einer allgemeingültigen Weltanschauung, wie sie der Sozialismus fordert. "Der Gedanke einer politischen Partei, die alle Tätigkeit des Individuums von der Wiege bis zur Bahre umspannt, die den Anspruch erhebt, die Ansicht des einzelnen über alles und jedes zu bestimmen, und die darin schwelgt, alle Probleme zur Frage der Weltanschauung der Partei zu machen, wurde zuerst von den Sozialisten in die Praxis umgesetzt. Nicht die Faschisten, sondern die Sozialisten hatten als erste den Gedanken, Sport und Spiel, Fußball und Wandern in Parteiklubs zu organisieren, in denen die Mitglieder nicht mehr durch abweichende Anschauungen infiziert werden konnten. Die Sozialisten waren die ersten, die darauf hielten, daß das Parteimitglied sich von andern Menschen durch die Form des Grußes und der Anrede unterscheiden solle. Sie waren diejenigen, die durch "Zellen" und Vorkehrungen für die ständige Überwachung des Privatlebens den – Prototyp der totalitären Partei ins Leben gerufen haben.

Hayek schildert dann sehr anschaulich, wie in gewissen schwierigen Situationen zum Beispiel in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg der Wunsch nach Planung erwacht und damit der erste Schritt zur Diktatur vollzogen wird. Die Unfähigkeit demokratischer Körperschaften, den doch offenbar einhelligen Wunsch eines ganzen Volkes in die Tat umsetzen zu können, erzeugt Unzufriedenheit mit den demokratischen Einrichtungen und erweckt schließlich den Wunsch nach einer "starken Regierung", die auf kürzestem Wege durch Sachverständige das entscheiden und ausführen läßt, worüber die Politiker so lange "schwätzen", bis es zu spät ist. Erstaunlich wirkt in diesem Zusammenhang ein von Professor Laski, dem damaligen Vorsitzenden der Labour Party, angeführtes Zitat aus der Zeit vor den englischen Wahlen: "jeder weiß, daß unser heutiger Parlamentsbetrieb völlig ungeeignet ist, eine große Menge von komplizierten Gesetzesvorlagen schnell durchzubringen. Die Regierung der nationalen Koalition hat diesen Tatbestand stillschweigend dadurch zugegeben, daß sie sich die Instrumente ihrer Wirtschafts- und Zollpolitik nicht durch eingehende Debatten im Unterhaus, sondern durch ein En-bloc-System der Ermächtigungsgesetzgebung geschmiedet hat. Eine Labourregierung würde wohl von diesem Präzedenzfall in vollem Umfang Gebrauch machen. Sie würde das Unterhaus auf die beiden Funktionen beschränken, die es angemessen erfüllen kann, nämlich auf die Vorbringung von Beschwerden und die Diskussion über die allgemeinen Grundsätze der Regierungsverordnungen. Die Notwendigkeit und die Bedeutung der Ermächtigungsgesetzgebung sind kürzlich vom Donoughmore-Committee stark unterstrichen worden, ihre Ausdehnung ist unvermeidlich, wenn der Prozeß der Sozialisierung nicht durch die gewöhnlichen Obstruktionsmethoden sabotiert werden soll, die die heutige Geschäftsordnung des Parlaments zuläßt."