Auch die Demokratie kann zur Willkürherrschaft werden, wenn sie eine Regierung oder ein Regierungssystem hervorbringt beziehungsweise zuläßt, das sich nicht an feste Rechtsnormen hält. Damit kommt Hayek zu dem zweiten Hauptpunkt seiner Deduktion. Der Rechtsstaat, führt er aus, ist gekennzeichnet durch gewisse Normen, die ein für allemal festgelegt sind und die kundtun, wie der Staat in bestimmten typischen Situationen handeln wird beziehungsweise was für ein Verhalten er seinen Bürgern vorschreibt. Innerhalb dieser Normen, die weder Willkür noch Absolutismus, noch "freies Ermessen der Regierungen", zulassen, kann das Individuum seine Interessen und Wünsche verfolgen. Diese Normen’sind nicht zugeschnitten auf das-Interesse bestimmter Menschen oder Gruppen, sondern sind "Spielregeln", die niemandem speziellen Nutzen oder Vorteile bringen.

Anders die wirtschaftliche Planung des Kollektivismus. Sie muß den verschiedenen Bedürfnissen der verschiedenen Personen, Klassen und Gruppen einen unterschiedlichen Wert beimessen weil sie ja bestimmte Wertvorstellungen hat, deren Realisirung sie durch bewußte Maßnahmen fördern will. Darum können die Fragen, die sie bei ihren politischen Erwägungen über den zu stehenden Kurs entscheiden muß, nicht nach formalen Grundsätzen und Normen in dem oben geschilderten Sinne entschieden werden, sondern nur von Fall zu Fall, je nach Situation und politischem Zweck, wodurch ein Moment der Willkür in das Rechtssystem eingeführt wird. Diesen Unterschied zwischen "formalen" und "materiellen" Rechtsnormen verdeutlicht Hayek durch den Vergleich zwischen der Aufstellung von Wegweisern, an denen jeder sich zu orientieren vermag, und der Anordnung, einen bestimmten Weg zu benutzen.

Mit zunehmender Planwirtschaft muß man von dem System der formalen Norm des liberalen Rechtsstaates übergehen zu der materiellen Norm des totalitären Regimes, das dem Ermessen des Richters einen immer größeren Platz einräumt, weil ja das Recht zu einer Funktion der Politik geworden ist und die Rechtsnormen dazu da sind, bei der Herbeiführung eines bestimmten angestrebten Gesellschaftszustandes mitzuwirken. In einer kollektiven Gesellschaft gibt es bei dieser Darstellung keinen Rechtsstaat, nicht weil eine solche Gesellschaft nicht legal sei oder gesetzlos regiere, sondern deshalb, weil der Anwendung staatlicher Zwangsgewalt keine Grenzen mehr gesetzt sind und sie nicht länger durch im voraus festgelegte Normen bestimmt wird. Da in jedem Kollektivsystem, sowohl im sozialistischen wie im faschistischen, sagt Hayek, der Staat nicht Sehr gleich der Summe seiner Bürger ist, sondern vielmehr etwas Selbständiges, Übergeordnetes, wird der einzelne zur Funktion dieses höheren Organismus "Staat" oder "Gemeinschaft". Es gibt dann weder die Freiheit und Würde des einzelnen als obersten Begriff, noch das Gewissen des Individuums als Richtschnur des Handelns. Daher ist die Kollektivmoral eine ganz andere als die Individualmoral. Die formalen Normen der Individualethik sind absolut und generell gültig. Ein bestimmter Tatbestand oder gewisse Handlungen gelten als schlecht und strafbar, ganz gleich, ob daraus im Einzelfall Schaden entsteht oder nicht, ganz gleich, ob sie in eigennützigem Interesse oder zur Herbeiführung eines höheren Zweckes begangen werden. Der Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heiligt, ist mit der Individualmoral unvereinbar, während er der Kollektivethik zur obersten Norm wird. Wenn das "Wohl des Ganzen" das höchste Gebot ist, dann muß jede Handlung, die der Erreichung dieses Zieles dient, von dem Bürger des Kollektivstaates gefordert und erfüllt werden; Die Staatsraison des Kollektivstaates fordert geradezu, so meint Hayek, daß nicht das Gewissen, des einzelnen, sondern die Zweckmäßigkeit, das angestrebte Ziel zu erreichen, ausschlaggebend ist. Akzeptiert man diese Prämisse, so ist die Unterdrückung fremder Meinungen, die Nichtachtung der persönlichen Freiheit eines einzelnen, der dem Wohl der Gesamtheit im Wege steht, eine konsequente und jederzeit zu rechtfertigende Folge.

Für Hayek ist das zureichende und präzise Ordnungsprinzip der komplizierten, modernen Wirtschaft die Konkurrenz. Er sieht in jeder Störung dieses Systems einer sich automatisch ausbalancierenden freien Wirtschaft zugleich eine Gefährdung der politischen Freiheit. Die Forderung nach Sicherheit hat bereits einen Strukturwandel der Gesellschaft zum Totalitarismus hin gezeitigt; denn, wird einigen eine erhöhte Sicherheit gewährt, so wird die Sicherheit aller andern dadurch notwendigerweise beeinträchtigt, bis schließlich, so folgert Hayek, das allgemeine Bedürfnis nach Sicherheit derart zunimmt, das letzten Endes kein Preis dafür zu hoch erscheint – selbst der der Freiheit nicht. Verstärkt worden ist diese Entwicklung nach Hayeks Meinung durch die sozialistische Doktrin der Verunglimpfung jeder mit persönlichem Risiko verbundenen Tätigkeit. Verdienen ist unmoralisch und die festbezahlte Stellung höherwertiger, selbstloser und uneigennütziger. "Die Beschäftigung von hundert Arbeitern gilt als Ausbeutung, aber die Kommandierung. der gleichen Anzahl als ehrenvoll."

Im Gegensatz hierzu hält Hayek das Privateigentum für eine wichtige Garantie der Freiheit. Wenn die Herrschaft über die Produktionsmittel sich auf viele unabhängig voneinander handelnde Menschen verteilt, sind wir freier, als wenn sämtliche Produktionsmittel in einer Hand – sei es in der der Gesellschaft oder der eines Diktators – liegen. "Wer würde nicht einsehen, daß ein Multimillionär, der mein Nachbar und vielleicht mein Arbeitgeber ist, weit weniger Macht über mich hat als der kleinste Funktionär, der die Zwangsgewalt des Staates ausübt und von dessen Belieben es abhängt, ob und unter welchen Bedingungen man mir zu arbeiten und zu leben erlaubt! Und wer wird leugnen wollen, daß die Welt, in der die Reichen mächtig sind, immer noch besser ist als eine, in der allein die bereits Mächtigen zum Reichtum gelangen können." D–ff