Finnland kann in diesen Tagen schon auf das zweite Jahr der Reparationszahlungen zurückschauen. Neben der harten Aufbauarbeit im Nordteil Finnlands, wo nach dem Rückzug vom August 1944, der auch die gesamte Bevölkerung miterfaßte, alles Leben über dem Polarkreis erstarb und die Arbeit von Generationen in einem Jahrhundert in wenigen Stunden im Knall der Sprengungen vernichtet wurde – sind die harten Lasten eines verlorenen Krieges zu tragen. Sechs Jahre hat Finnland Güter für 50 Millionen Dollar jährlich zu liefern. Da die Preise des Jahres 1938 bei der Anrechnung zugrunde gelegt werden, beträgt die wirkliche Leistung ein Vielfaches davon. Die Summe entspricht jetzt dem Umfang des gesamten Vorkriegsexports des Landes,

Finnlands Export bestand, zu 84 Prozent aus Holzprodukten und nur zu Prozent aus Metallerzeugnissen und Erzen. Die Reparationsleistungen dagegen verlangen in diesen sechs Jahren Metallwaren für 200 Millionen Dollar und nur für 100 Millionen Dollar Holzerzeugnisse. Das ganze Wirtschaftsleben Finnlands ist daher auf den Ausgleich des Defizits an Reparationsleistungen in Metallerzeugnissen ausgerichtet. Um mit den Lieferungen an Eisenbahnmaterial nicht in Verzug zu geraten, mußte schon im ersten Jahr (1945) rollendes Material aus dem Land selbst herausgezogen werden. Ganze Bahnlinien wurden eingleisig verlegt, um die Schienen des zweiten Gleispaares abliefern zu können. Jede Verzögerung in den Lieferfristen bringt für Finnland selbst neue schwere Finanzlasten.

Finnland kann seinen Reparations Verpflichtungen nur nachkommen, wenn es bestimmte Rohstoffe und Fertigwaren einführen kann, die es weder hat, noch produzieren kann, aber liefern muß. Da sein gesamter Export aber für Reparationen verwendet wird, mußten die Importe für die Reparations-Exporte durch Kredite anderer Länder finanziert werden. Im ersten Jahr schon haben schwedische Lieferungen und Kredite direkt oder indirekt 16 bis 20 Prozent der finnischen Reparationslieferungen bezahlt.

Der Bedarf der Weltwirtschaft gerade an den Erzeugnissen, die auch Finnland braucht, und die immer stärkere Umstellung der Wirtschaft, auf Kompensationen in Waren, erschweren die Einfuhr auf Kredite. Für die Erfüllung der Verpflichtungen müßte Finnland seine Metallindustrie ausbauen. Dazu aber wären Maschinen, Kugellager und bestimmte Rohstoffe (Eisen, Blei, Zinn und Graphit) einzuführen. Sogar für die Holzindustrie sind Chemikalien (Farben, Kasein und Kaolin) zu importeren. Theoretisch besteht wegen der relativ geringen Reparationslieferungen an Holzprodukten ein Exportüberschuß. Die Knappheit an Arbeitskräften, der Abbau von Bahnlinien und der Übergang der gesamten Wirtschaft Finnlands zur Bremholzfeuerung haben in der Praxis fast zu einen Holzmangel geführt. Trotz rücksichtslosen Einschlags konnten im Vorjahr nur 30 Prozent der Lieferungsverträge mit England erfüllt werden; in diesem Jahr werden nur 60 Prozent der Vorkriegsmenge für Exporte bereitstehen.

Ohne fremde Hilfe ist keine Erfüllung der Verpflichtungen an Rußland möglich. Schon die Erleichterung der Lieferungen durch Verlängerung der Termine zeigt, daß die Erschöpfung der finnischen Möglichkeiten von Rußland anerkannt wird. Für die Lieferungen werden die Preise von 1938 angerechnet, der Lebenshaltungsindex aber steht auf fast 400, ein von der Regierung genehmigter Ausgleichszuschlag auf die Löhne von 100 Prozent ist ein Tropfen Wasser in der überheizten "Sauna". Inflationstendenzen werden; immer stärker, Finnland hat den einzigen-von der Regierung genehmigten Schwarzen Markt in Europa.

Wie in vielen Ländern Europas, so hat auch in Finnland Rußland die Rolle Deutschlands übernommen. Im Jahr 1937 ging noch nicht einmal 1 Prozent des finnischen Exports nach Rußland; heute sind es noch immer 62 Prozent, im Vorjahr waren es 70 Prozent. Die Verringerung hängt einmal mit der Verbesserung der Verkehrsbeziehungen und zum anderen mit verschiedenen Maßnahmen anderer Regierungen zusammen, sich unter keinen, Umständen mit der Monopolisierung des finnischen Handels abzufinden. Der wesentliche Grund dürfte aber die Erschöpfung, der finnischen Exportkapazität nach der Verringerung der Einfuhren aus Schweden sein.

Reparationen, die Kredite und Einfuhren voraussetzen, ohne Kompensationsexporte zuzulassen, sind Phantasmagorien. In diesen Punkten ist die Lage Finnlands ein Präzedenzfall für ein Deutschland nach einem Friedensschluß. Manche Wirtschaftskreise jenseits der Grenze scheinen einzusehen, daß ohne ein Kohlenmoratorium und Kredite in einer auf dem Weltmarkt gefragten Währung nicht von Reparationen, sondern nur von einem Ausverkauf gesprochen werden kann.

W. Rautenberg