Es gibt keine zweite deutsche Großstadt, die nicht nur schwerste Luftkriegsschäden erfahren, sondern auch noch durch den Zusammenbruch ihre Existenzgrundlage völlig verloren hat, so wie dies bei Kiel der Fall ist" – das ist der Leitgedanke einer Untersuchung, die das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel im Auftrage der Kieler Stadtverwaltung ausgearbeitet hat. Diese Untersuchung, von Dr. Zottmann angestellt, trägt den Titel: "Kiel – die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart und die Grundlagen ihres ökonomischen Neuaufbaues."

Aus der Schrift erkennt man, daß Kiel jetzt völlig neue wirtschaftliche-Wege suchen muß. wenn es nicht zur Bedeutungslosigkeit herabsinken und ein wirtschaftlicher und politischer Krisenherd werden soll. Die Luftkriegsschäden werden in Kiel auf 1,48 Milliarden Mark geschätzt; es fallen rund 71 v. H. der 83 000 vorhandenen Wohnungen zunächst aus; 37 v. H. der Wohnhäuser sind völlig zerstört, 44 v. H. erlitten schwere oder mittlere Schäden. Kiel kann nicht, gleich anderen deutschen Städten, die bisherige Rüstungsindustrie auf Friedenswirtschaft umstellen, denn die langjährigen Bemühungen, hier den Handel auszubauen und den Schiffsverkehr im Hafen zu steigern, machte der schnelle Wiederaufbau der einstigen Kriegsmarine zunichte. Und trotzdem ist der Hafen Kiels Lebens-Zentrum!

Natürlich wird Kiel auch in Zukunft keine unbedeutende Rolle, besonders, als "Konsumstadt", spielen, wenn es seinen Rang als Landeshauptstadt und Universitätsstadt behauptet. Allein der Universität kommt eine große wirtschaftliche Bedeutung zu, werden doch durch die Studenten jährlich immerhin 2 bis 2,5 Mill. Mark verausgabt. Die Untersuchung stellt dann fest, daß die Hafenbecken der "Deutschen Werke" und des früheren Marinearsenals ohne kostspielige Umbauten als Handelshafen verwendet werden könnten, wobei natürlich die verschärfte Konkurrenz von Hamburg und auch von Lübeck zu bedenken bliebe. Insbesondere spricht sich Dr. Zottmann für die Förderung der Hochseefischerei und den Ausbau der Fischindustrie aus, wofür man den Bootshafen der "Deutschen Werke" ohne Schwierigkeiten umbauen kann.

Anfänge in dieser Richtung wurden in Kiel bereits gemacht, und es ist zu hoffen, daß die Bemühungen vieler umsichtiger und einsichtiger Kräfte künftig bessere Erfolge haben werden, als es anfangs der Fall sein konnte. Eine rührige Privatgesellschaft, die "Kieler Hochseefischerei KG", war gegründet worden und übernahm sehr bald von den örtlichen Dienststellen der Militärregierung ehemalige Kutter der Kriegsmarine, die für die Fscherei freigegeben worden waren. Man machte sich mit dem Umbau der Fahrzeuge große Mühe und wollte natürlich sämtliche Kutter in Kiel behüten, um sie an Ort und Stelle heimischen Fischern oder ausgewiesenen Ostseefischern zu übergeben. Leider bedachte man bei diesem begiüßenswerten Plan nicht, daß für die Verteilung der Kriegsfischkutter lediglich das Fishery Control Board (der Food and Agriculture Division, Zonal Executive Office, in Hamburg) zuständig und verantwortlich sei. Und so kam es, daß auf Veranlassung dieser englischen Dienststelle das Zentralant für Ernährung und Landwirtschaft sich einschalten und eine besondere "Kutter-Kommission" bilden mußte, um die gerechte Verteilung sämtlicher Kutter zu gewährleisten.

Diese Verteilung ist nun geschehen. Es wurden zunächst 27 Fischer berücksichtigt, die ihre Kutter durch Kriegseinwirkungen verloren, hatten; die ülrigen Kutter wurden prozentual auf das gesamte Gebiet der Küste verteilt; 50 v. H. davon entfielen auf Schleswig-Holstein. Diese Entwicklung ist natürlich für die Kieler Fischer recht unerfreulich. Auf allen Seiten gab es eine erhebliche Erregung, die sich in verschiedenen Pressefehden Luft zu machen suchte. Immerhin sind doch einige Kutter auch für Kiel verblieben. Es ist zu hoffen, daß die "Kieler Hochseefischerei KG" in absehbarer Zeit den Aufgaben, die sie sich gestellt hat, doch noch gerecht werden, und so zu ihrem Teil für den dringend notwendigen Neuaufbau einer wirtschaftlichen Basis in Kiel beitragen kann. W. W.