Eine Zuschrift von Landwirt Jebens, Rahlstedt

Der Kieler Landtag hat eine prozentuale Landabgabe beschlossen, um im Interesse der notwendigen Existenzschaffung und Seßhaftmachung von Flüchtlingen und Einheimischen kurzfristig genügend Grund und Boden zur Verfügung zu haben. Wie eine solche wenig beliebte, durch die außergewöhnliche Not der Zeit diktierte Zwangsmaßnahme hätte umgangen oder zweckvoller gehandhabt werden können, beispielsweise durch besondere Erfassung nur der leistungsschwachen Betriebe, soll hier nicht näher untersucht werden. Vor der Hand ist im Interesse, der Erzeugungssteigerung und der Unterbringung möglichst vieler Elendsfamilien die Frage der Verwendung des zu enteignenden Grund und Bodens wichtiger. Und von diesen beiden Gesichtspunkten aus möchte ich zu dem Werk des Kieler Landtages noch einige Überlegungen für die praktische Durchführung einschalten.

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Man ist allgemein geneigt, die Dinge nur aus der-gegenwärtigen Lage heraus zu betrachten und zu formen. Heute schwimmt unsere Landwirtschaft aber noch im täuschenden Erbhof-Fahrwasser des "Dritten Reiches", mit der reichlichen Hitler-Mark. Wenn aber demnächst das Erbhofgesetz mit der Hitler-Mark und dem Schwarzmarkt verschwunden ist, die Preise durch einen verstärkten Weltmarktdruck unter denen vor 1933 liegen und neben den mehrfach höheren Steuern auch alle sonstigen Betriebsausgaben stark erhöht sind, und zu allem noch die Flüchtlinge mit ernährt sein sollen, wie .sieht es dann in der Landwirtschaft aus? Müssen wir darum bei der Betrachtung der Agrar- und Bodenreform nicht vielmehr von der sich bald stark verändernden und verschlechternden Lage der Landwirtschaft ausgehen? Wenn wir dieses tun, erweist sich das Kieler Bodenreformwerk als ergänzungsbedürftig.

Wenn besonders die kleinbäuerlichen Betriebe von 10 bis 20 Hektar, die nach dem Kieler Plan in erster Linie auf dem zu enteignenden Boden errichtet werden sollen, in Zukunft in ihrer Existenz am meisten bedroht sind, sollte diese Betriebsform auch am meisten gemieden werden. Das wäre auch noch aus dem Grunde nötig, weil Kleinhöfe eine zu geringe Ausnutzung der Pferde aufweisen und diese unsere Volksernährung zu sehr belasten. Auch darf nicht übersehen werden, daß bei der prozentualen Landabgabe durchweg nur verstreut liegende kleinere Parzellen von 1 bis 2 Hektar anfallen. Daraus lassen sich schwerlich "weltmarktfähige" Höfe machen, zumal die hierfür in Aussicht genommenen Beisitzer durchweg unbemittelt sind und immerhin zu aller Zeitlast noch eine gewisse Verzinsung leisten müssen. Wäre es daher nicht richtiger, auf den enteigneten Parzellen Nebenerwerbkleinsthöfe von 1,5 Hektar, die als krisenfeste Selbstversorgerbetriebe weitmarktunabhängig sind, zu errichten? Einmal würde auf diese Weise eine erhebliche Erzeugungssteigerung gewährleistet sein, und zum andern ließe sich so, wenn an Stelle eines 15-Hektar-Kleinhofes zehn 1,5-Hektar-Kleinsthöfe kämen, die zehnfache Zahl Elendsfamilien wirtschaftsaktiv und volksentlastend unterbringen. Damit wären beide Ziele des Kieler Planes, mehr zu erzeugen und möglichst viele Menschen auf eigener Scholle seßhaft zu machen, doch viel besser erfüllt. Allein die durch den Kleinsthofplan eingesparte halbe Million Pferde bedeutet die friedensmäßige Ernährung von mehr als 10 Millionen Menschen, also der gesamten zu uns gekommenen Ostmillionen, und bedeuten des weiteren soviel Bodengewinn, daß eine halbe Million Kleinsthöfe mehr errichtet werden können. So könnte allein durch die Einsparung der halben Million Pferde eine Ernährungsverbesserung von rund 25 v. H. für die gesamte Bevölkerung erreicht werden. Die übrigen ernährungsmäßigen Vorteile der Kleinsthöfe sind aber noch wesentlich größer. Ich möchte hier daher erneut anregen, doch den Gedanken der Kleinsthofnebenerwerbssiedlung stärker in die anlaufenden Bodenreformpläne einzubauen. Dadurch wäre die Frage der besten Gestaltung der Arbeitsverfassung zugleich mit gelöst, indem jeder Bauer sich aus den Reihen der Kleinsthofsiedler in voller gegenseitiger Unabhängigkeit die nötigen Arbeitskräfte heranholen kann.

Durch eine entsprechend vergrößerte Zahl der Kleinsthöfe, würde sich die beabsichtigte Landzuteilung als Gärten oder für Gärtnereibetriebe im Interesse unserer Volksernährung auch erübrigen. Denn jeder weiß, daß alle Gartenwirtschaft ohne genügende eigene Dungerzeugung, also ohne Kuh, einen viel zu geringen Ertrag erbringt und deshalb bei unserer so stark eingeengten Lage eine weitere Landzuteilung für Gärten als Boden Vergeudung konsequent abgelehnt werden müßte. Aus allem geht hervor, daß in unserer Zone als Leitsatz aller Siedlungsbestrebungen dieser zu gelten hätte: Nicht ohne Kuh und mit Pferd, sondern mit Kuh und ohne Pferd siedeln. Und das nenne ich Kleinsthofsiedlung.