Vor einiger Zeit hat die Militärregierung in Hamburg der deutschen Bevölkerung einen Lesesaal übergeben, in dem die wichtigsten englischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften ausliegen. Für einen Teil der Hamburger Bevölkerung ist "Die Brücke" – so heißt der Leseraum – allerdings nicht die erste Möglichkeit, Zugang zu dem Schrifttum des Auslandes zu erhalten. Die Leser der Hamburger Öffentlichen Bücherhalle in der Mönckebergstraße haben schon seit einigen Monaten Gelegenheit; englische Zeitungen und Veröffentlichungen zu lesen und so eine eigene Meinung über die politische, wirtschaftliche und kulturelle Lage der Welt zu gewinnen. Durch die unermüdliche und verständnisvolle Hilfe und Vermittlung eines Offiziers der Militärregierung, der nicht nur großes Interesse an der Arbeit der Bücherhallen zeigt, sondern immer wieder durch die Tat beweist, wieviel ein einzelner beitragen kann zum gegenseitigen Verstehen, konnte hier schon im Dezember 1945 eine kleine Abteilung englischer Broschüren und Zeitungen eröffnet werden, die heute durch deutsche Schritten vervollständigt ist.

Aus Broschüren und Zeitungen – heute etwa 300 Hefte – die einen positiven Beitrag zur politischen und geistigen Auseinandersetzung liefern können, wurde die Abteilung "Schriften zum Zeitgeschehen" zusammengestellt. Inhaltlich läßt sich diese Abteilung in folgende Gruppen einteilen: Deutsche und englische Broschüren zu Fragen der Wirtschaft und Politik, über geistige und sittliche Probleme des heutigen Deutschland und der Welt. Englische Schriften über Deutschland. Andere Länder im Spiegel der englischen Meinung. Die Judenfrage, Schriften deutscher Emigranten. Englische und deutsche Zeitschriften und Zeitungen.

Die "Schriften zum Zeitgeschehen" in dieser Öffentlichen Bücherhalle sind nur ein kleiner Teil des gesamten Buchbestandes. Gelesen, weitergegeben und diskutiert von einem großen Leserkreis, soll die Gruppe dieser Bücher Mut machen zum Aufbau. Sie sollen den Anschluß geben an die öffentliche Meinung der Welt, und sie sollen helfen, eine neue Basis gegenseitigen Vertrauens zu schaffen. In dem Buch von Bargatzky "Schöpferischer Frieden" heißt es (S. 39): "Kein Haß ist so tief, als daß sich nicht eines Tages die verständigen Männer zusammenfänden und die ersten offenen Worte miteinander wechselten, keine noch so große Feindschaft kann es verhindern, daß sich die ehrbaren Vertreter eines jeden Landes in der reinen Atmosphäre der Erziehung und der Bildung begegnen, daß sie einander ihre Wünsche und Fehler vorhalten und prüfen, wie ihnen abzuhelfen ist. Lassen wir diese Begegnungen erst einmal Wirklichkeit werden, lassen wir ihre Zahl durch die gemeinsamen Sorgen sich steigern, und wir werden entdecken, daß unsere Gedanken keine tauben Ohren finden, daß sie als Beweise des guten Willens nicht nur, sondern auch der Einsicht gelten, und daß wir bald in aller Öffentlichkeit an den schwebenden Schicksalsfragen beteiligt werden."

Zu solchen Begegnungen zu verhelfen, daß ist der Sinn und das Ziel- der Zeitfragenabteilung dieser Öffentlichen Bücherhalle. Margrit Wilke