Von Kurt Leese

Ranke hat auf die ihm von König Maximilian II. von Bayern gestellte Frage, was man als die "leitenden Tendenzen" des 19. Jahrhunderts bezeichnen könne, unter anderem geantwortet: "Die Ausbreitung des romano-germanischen Geistes ist eine ganz ungeheure, um so mehr, da sie nicht mehr durch die kirchliche Form gefesselt ist. Der romanisch-germanische Geist geht über die Form der Kirche hinaus und dehnt sich frei und ungebunden als Kultur durch die ganze Welt aus ... Man muß diese Zeit nicht verkennen. Es ist ein Glück, in derselben zu leben..."

In dieser Äußerung – sie geschah im Jahre 1854 – liegt ein Dreifaches beschlossen. Ranke war zunächst – in vollkommenem Gegensatz zu Schopenhauer – Optimist. Was man in unserer Zeit unter dem Einfluß von Nietzsche und Spengler vielfach als "Kulturkrisis" ja, als Kulturkatastrophe oder "Untergang des Abendlandes" bezeichnet, alle damit verbundene pessimistische Befürchtung des Herannahens einer Götterdämmerung, lag Ranke noch gänzlich fern. "Ich sehe", sagte Ranke ein andermal, "soviel Lebenselemente und großartiges, frisches Bestreben, daß ich einen Verfall einzelner Zweige des Lebens oder auch einzelner Völker für möglich halte, nicht eine Dekadenz des Ganzen oder einer Ruin desselben. Die Welt scheint mir mehr Leben in sich zu schließen als Gefahr." Und am Aberd seines Lebens schrieb Ranke in sein Tagebuch "Wir haben noch immer erlebt, daß der Verkehrtheit, der Immoralität und Gewaltsamkeit auch ein Ziel gesetzt ist. Ormuzd und Ahriman kämpfen immer. Ahriman arbeitet immer an der Erschütterung der Welt, aber sie gelingt ihm nicht. So denkt ein alter Mann." Rankes Vertrauen auf die geltenden und herrschenden Kulturwerte war völlig unerschüttert und unangefochten. Kultur war ihm – dies ist das zweite – die eigentliche Essenz der abendländischen Geschichtsentwicklung. Wollen wir ihren Gehalt auf eine Formel bringen, so können wir sagen: Sie war ihm von kirchlicher Bevormundung und Zwangseinheit frei und selbständig gewordene Weltkultur, gespeist aus den ineinander verschränkten Kräften des Christentums und der "Humanität", dieses Kennwortes des Zeitalters Herders, Goethes und Schillers. Kultur war ihm christlich geprägte, christlich vertiefte Menschlichkeit mit den ewigen Leitsternen des Gerechten, Schönen, Wahren und Guten. Der Entstehungsort, der bergende Schoß dieser christlich bestimmten Humanitätskultur war ihm – dies ist das dritte – der romano-germanische Völkerkreis. Dieser Völkerkreis hat sich von der antiken, um das Mittelmeer gelagerten Völkerwelt her durch Römerreich, Christentum, Papstkirche, Reformation und Gegenreformation, unbeschadet seiner modernen Ausgliederung durch den relativen politischen Antagonismus der "großen Mächte", zu einer Völkergemeinschaft entwickelt, deren Zusammengehörigkeit nach dem Zerfall der hierarchisch geleiteten Einheitskirche Ranke eben, durch die christliche Humanitätskultur gewährleistet und auch für die Zukunft verbürgt erschien. Die "abendländische Welt" war Ranke – allen Rivalitäten, Kriegen und Revolutionen zum Trotz! – "immer noch eine Einheit" geblieben. "Nur beruhte", so sagt er, "diese Einheit nicht mehr auf dem Papsttum, sondern auf der Gemeinschaftlichkeit der Institutionen und der Kultur und auf dem Ineinanderwirken der romanisch-germanischen Nationen."

In diesem großen Gang der Geschichte nun erblickte Ranke, persönlich evangelischer Christ lutherischer Abkunft, das gnädige Walten der göttlichen Vorsehung. Sie war ihm Kern und Stern seines Glaubens. In einem Brief an seinen Sohn schreibt er im Jahre 1873: "Der Historiker ist dazu da, den Sinn jeder Epoche an und für sich selbst zu verstehen und verstehen zu lehren ... Über allem schwebt die göttliche Ordnung der Dinge, die zwar nicht geradezu nachzuweisen, aber doch zu ahnen ist. In dieser göttlichen Ordnung der Dinge, die identisch ist mit der Aufeinanderfolge der Zeiten, haben die bedeutenden Individuen ihre Stelle: so muß sie der-Historiker auffassen... Der Glaube an die Vorsehung ist die Summe alles Glaubens, ich halte ihn unerschütterlich fest." Plan und Ordnung der geschichtlichen Begebenheiten, wie sie im Geiste Gottes gedacht sind, kann man nicht zur Rechtfertigung seines vernünftigen Handelns nachweisen und begreifen, wie Hegel es sich vermaß, man kann sich nur in gläubiger Versenkung ahnend dazu erheben, kann sie nur unvollkommen und stückweise erraten.

Die Geschichte ist ihm nicht, wie für das pantheistische Denken Hegels, die zeitliche Daseinsweise des werdenden Gottes im Menschengeist, Die Geschichte "zeugt" von Gott, aber sie "ist" nicht Gott. Dieser Gott ist und bleibt – anders als für Hegel – uranfängliches, ewiges Geheimnis. Die Gottheit erschien Ranke, wie er einmal sagt, als das "geheimnisvolle Ich aller Existenz, die der Welt verschwindet, indem es sie erfüllt". Das eben ist ihr Geheimnis, daß sie die Welt zwar "erfüllt", der gleichen Welt aber auch "verschwindet", weil sie als Schöpfergott mehr ist als Welt und Kreatur.

Noch eines ist wichtig für Rankes Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Geschichte. Wie Goethe die "Breite der Gottheit" an der Natur erschaute, so Ranke an der unendlichen Fülle individueller Bildungen der Geschichte: Personen, Völker, Staaten, Zeiten, Epochen. So war es gemeint, wenn Ranke gegen Hegel die berühmten Worte sprach: "Ich aber behaupte: Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem eigenen Selbst. Dadurch bekommt die Betrachtung der Historie einen ganz eigentümlichen Reiz, indem nun jede Epoche als etwas für sich Gültiges angesehen werden muß und der Betrachtung höchst würdig erscheint." Also: Das Ewige gegenwärtig in jedem Augenblick! Allgegenwart des gütigen Gottes in allen Phasen der Geschichte! Und deshalb nicht bloß Mittel zum Zweck, nicht bloß Verschleiß für höhere Interessen! "Vor Gott", sagt Ranke, "erscheinen alle Generationen der Menschheit als gleichberechtigt, und so muß auch der Historiker die Sache ansehen."

Dagegen Schopenhauers pessimistischer Sinn und Blick für die tragische Nachtseite der Geschichte ging Ranke völlig ab. Er hat sie zum mindesten sorgsam verhüllt und zugedeckt. Ranke sah in der Geschichte, wie er sich ausdrückt, "menschlichen Antrieb" und "göttlichen Anhauch" zugleich. Er sah in ihr nur die Offenbarungsstätte Gottes auf Erden, aber er sah in ihrnicht auch die Zerstörungsstätte und das Trümmerfeld furchtbarer dämonischer Mächte. Wer, wie Ranke, den Satz sprechen konnte: "In aller Geschichte wohnt, lebet, ist Gott zu erkennen. Jede Tat zeuget von ihm, jeder Augenblick predigt seinen Namen, am meisten aber, dünkt mich, der Zusammenhang der großen Geschichte" – der kann von den Dämonen und ihrem sinnlosen Wüten nicht viel gespürt haben.