Vollkommenes Gedicht

VON BRUNO SNELL

Kürzlich ist bei Hans Dulk in Hamburg ein schmales Bändchen mit drei Dutzend Gedichten erschienen: Fritz Mühlenweg "Tausendjähriger Bambus". Nachdichtungen aus dem Schi-King. Ich kenne kein Chinesisch und weiß nicht, wie getreu diese mehr als – zweitausendjährigen Verse übertragen sind; aber daß hier deutsche Gedichte entstanden sind, die zu dem Schönsten gehören, das unsere Sprache besitzt, wird schon ein Beispiel zeigen:

Heimlicher Brief

Liebwerter Chung! Ich habe eine Bitte.

Ich weiß, du steigst gern auf die Silberweide

am Bach und achtest auf die zagen Schritte

der Dörfler, Hirten und der alten Leute,

Vollkommenes Gedicht

die spät zu Bett gehn.

Chung, du sollst das nicht.

Du hast die jungen Triebe abgebrochen.

Mein Vater hat am andern Tag davon gesprochen,

und Zorn verdunkelte sein freundliches Gesicht.

In kalter Nacht die Aprikosenblüte

der Reif zerstört.

Vollkommenes Gedicht

Vor rauhem Wort mein Herz behüte,

das dir gehört. Mein teurer Chung! Ich muß dir noch was sagen.

Von meinem Sandelbaum, wo in den Zweigen

zur Dämmerung die Nachtigallen schlagen

und tausend Grillen ihre Lieder geigen,

war jüngst ein Blatt welk.

Chung, du sollst das nicht.

Vollkommenes Gedicht

Du hast es in der Eile abgebrochen:

Das ganze Dorf hat schon davon gesprochen,

und Klatsch zerrt auch die Edlen vor Gericht.

In kalter Nacht die Aprikosenblüte

der Reif zerstört. –

Vor rauhem Wort mein Herz behüte,

das dir gehört.

Vollkommenes Gedicht

Geliebter Chung! Ich muß dir Schmerz bereiten.

Ich weiß, du steigst heut abend auf die Mauer

und läßt am Maulbeerbaum dich abwärtsgleiten.

Doch meine Brüder liegen auf der Lauer,

um dich zu fangen.

Chung, komm lieber nicht.

Du würdest sicher ins Verderben rennen,

Vollkommenes Gedicht

du müßtest unsre Heimlichkeit bekennen,

und wir verlören beide das Gesicht.

In kalter Nacht die Aprikosenblüte

der Reif zerstört.

Vor rauhem Wort mein Herz behüte,

das dir gehört.

Die Form des Briefes ist sehr natürlich in der gegebenen Situation, denn das Mädchen hat dem geliebten Chung Wichtiges und Dringliches mitzuteilen, das sie ihm nur durch ein heimliches Schreiben sagen kann. So gibt sich das Gedicht den Anschein, eine notwendige Aufgabe zu erfüllen, und wirkt wie ein Stück gewöhnlichen Lebens. Der Sinn liegt aber dahinter und wird durch die Form des Briefes versteckt, denn das Wesentliche, worauf Buch das Gedicht ausläuft, ist die Äußerung des Gefühls, das Geständnis der eigenen Liebe. Diese verdeckte, indirekte Art des Sprechens geht durch das ganze Gedicht und macht weitgehend seinen Reiz aus: Das innige Empfinden spricht sich in den Schlichten Worten einer sachlichen Mitteilung aus; das Mädchen sagt: Komm nicht! Und unausgesprochen klingt hindurch, wie sehr sie den Freund herbeiwünscht; sie tritt auf als die Befehlende und Wäre doch gern die Fügsame. So bleibt das Gedicht ganz unsentimental, wird trotz seines Ernstes fast zum schalkhaften Spiel. Die Situation, die der Brief voraussetzt, ist, so möchte man vermuten, auch in China ein volkstümliches Motiv, aber das "Fensterln" des guten Chung ist beileibe nicht so bäurisch, daß er kurzerhand zu seiner Geliebten einsteigt, und in diesem chinesischen Dorf geht es so zart und zierlich zu, daß ein paar zerbrochene junge Triebe und ein geknicktes Blatt peinliches Aufsehen machen – wie fern bleibt das aber doch aller Chinoiserie.

Vollkommenes Gedicht

Auch der Aufbau des Ganzen zeigt diese Mischung von Einfachem und Künstlichem. Der platte Inhalt, die simple Bitte "Komm lieber nicht!" ist reich figuriert und entfaltet sich in drei streng parallel gebauten Strophen, die sich langsam steigern – und die Dreizahl ist das mindeste, um solches Crescendo zu erreichen. Immer Herzlicher wird die Anrede:. Liebwerter Chung – mein teurer Chung – geliebter Chung. Von der Silberweide am Bach über den Sandelbaum zum Maulbeerbaum an der Mauer rückt der Liebhaber offenbar immer näher, und erst allmählich wird klar, was er vorhat. Das "rauhe Wort", vor dem dem Mädchen bangt, ist zunächst das des Vaters (wie malt übrigens das eine Wort vom "freundlichen" Gesicht das glückliche Familienleben, in dem das Mädchen behütet ist!), dann der Klatsch des Dorfes, schließlich der drohende offene Skandal. Die schlichten Worte am Strophenende, "das Herz, das dir gehört", erhalten immer volleren Klang, bis sie zum Schluß ganz von Gefühl erfüllt sind. Dreimal hebt das Mädchen zögernd an, und nur schüchtern, aber desto überzeugender kommt über ihre Lippen, was sie sagen will oder sagen muß, bis es am Ende, wenn auch kaum ausgesprochen, doch ganz deutlich geworden ist.

Diese mannigfachen Spannungen in dem Gedicht: von sachlicher Mitteilung und durchscheinendem Gefühl, von ausgesprochener Abweisung und gemeintem Einverständnis, von volkstümlichem Vorwurf und gezierter Ausmalung, von einfachem Anliegen und kunstvoller Form, geben dem Gedicht seine schwebende Grazie; alles ist so durchsichtig und klar, daß man ihm nachrechnen darf bis in jede Einzelheit hinein, ohne daß man in Gefahr kommt, damit den Schmelz des Ganzen zu zerstören – im Gegenteil, erst solchem Nachrechnen erschließen sich alle Feinheiten. Diese wahrhaft geistreiche Kunst äußert kein wirres, abgründiges Gefühl, kennt deswegen auch keinen Gegensatz von Gefühl und Geist, vielmehr trägt sich beides hier gegenseitig und fördert sich. Es ist dies nur eine Probe aus den sechsunddreißig Gedichten. In den andern kehren ähnliche Schönheiten wieder, und immer wieder hat der Übersetzer das Wunder vollbracht, daß in leichten und doch nie aufdringlichen Reimen in einer selbstverständlichen und doch erfüllten Sprache vollendete deutsche Gedichte entstanden sind.