Ein Mann, der von der politischen Rechten hergekommen war, sich aber schon frühzeitig von dem verhängnisvollen Hugenbergkurs distanziert hatte, begann im ersten Kriegswinter die Niederschrift eines Rechenschaftsberichtes über die Politik der letzten zwanzig Jahre, so, wie er sie selbst miterlebt und mit mitgestaltet hatte. Dem Werk, das sich allmählich zum Kriegstagebuch eines Daheimgebliebenen erweiterte, gab der Verfasser, der ehemalige Osthilfeminister Brüningkabinett D. h. c. Schlange-Schöningen, den Titel "Am Tage danach". Am Tage nach dem als unvermeidlich vorausgesehenen Zusammenbruch des Hitlerregimes, so meinte er, würde vor allein die Besinnung darauf notwendig sein, wie das politische Unheil bedingt war. Das Buch, im Verlag Hommerich & besser, Hamburg, erschienen, liegt jetzt endlich vor. Es geht vor allem die politisch interessierte Jugend an, die aus der vergleichenden Lektüre solcher und ähnlicher Berichte ein Bild vom wirklichen Ablauf der jüngsten Geschichte gewinnen muß. Politische Gegner aber werden beim Studium dieses Buches wohl mit einiger Verblüffung feststellen, wie falsch ihr bisheriges Urteil über den vermeintlichen "Reaktionär" war. Wir bringen hier einige kurze Auszüge aus verschiedenen Abschnitten des kleinen Werkes.

Meine Umwelt von Kindheit an war Schöningen mit seinen wogenden Weizenfeldern, der still dahinfließenden Oder, den grünen Wiesen, den Rehen und der Dorfjugend. Dahinein hatte mich das Schicksal gestellt, und als nach dem Zusammenbruch von 1918 das parlamentarische Leben sich neu ordnete, war nichts natürlicher, als daß ich zunächst dort politischen Anschluß suchte, wo Freunde und Berufsgenossen, alte Kameraden und Nachbarn, kurz, das geschlossene. Landvolk sich sammelte: in der Deutschnationalen Volkspartei. Dabei zog es mich besonders an, daß sie eine Verbindung mit den christlich-sozialen Gewerkschaften einging. Der "linke. Flügel": schon hier war eigentlich von Anlang an ein falschgegriffener Toni Warum diese Bezeichnung? Die Männer hatten mit derselben Begeisterung ihre Kriegspflicht erfüllt und wollten mit derselben Hingabe das neue Deutschland bauen. Aber die "Gewerkschaft" war von Anfang an verdächtig, obgleich ich persönlich nie ganz begriff, wie man den Arbeitern die geschlossene Interessenvertretung verdenken kann, wenn man die geschlossene Interessenvertretung der Landwirte für eine Selbstverständlichkeit hält. Mir wird es jedenfalls immer eine große Genugtuung sein, daß Franz Behrens und mancher andere Abgeordnete der Arbeiterschaft von Anfang an zu meinen besten Freunden zählten.

Problematik der "Sammelpartei"

Rückschauend kann man sagen, daß der Gedanke einer nationalen Sammelpartei auf konservativer Grundlage eigentlich schon bei der Gründung mißglückt war. Altkonservative und Christlich-Soziale, Gewerkschaftler und Wirtschaftsfriedliche, Großindustrie mit Exportinteressen und Landwirte mit Zollbedürfnissen, der tiefgegliederte Mittelstand mit seinen Sonderwünschen, alle Volksstämme, alle Himmelsrichtungen – das alles politisch auf eine Linie zu bringen und namentlich schlagkräftig zu erhalten, zu dieser fast übermenschlichen Aufgabe hätte ein Führer ganz überragenden Formats gehört. Wir haben ihn nicht gehabt. Vielleicht wäre es Helfferich geworden. Wenn er die Organisation in ihrer Gesamtgröße möglicherweise auch nicht zusammengehalten hätte, so deuten seine schon frühzeitigen und immer siegreichen Zusammenstöße mit Hugenberg doch darauf hin, daß er sich die Übermacht des radikalen Flügels nicht hätte gefallen lassen und daß er eine klare Auffassung des Möglichen besaß. Nach seinem tragischen Tode wurde die Partei mehr und mehr die Partei der Fragezeichen, deren jedes eigentlich gelöst werden mußte und Reines je gelöst wurde. War sie monarchisch? In Wahlversammlungen ja – aber die Minister in zwei Kabinetten leisteten den republikanischen Eid, der für Männer betont christlicher Lebensanschauung doch kein Zwirnsfaden sein konnte. War sie verantwortungsbewußte Opposition oder Opposition um jeden Preis? Nach außen hin wurde eine grundsätzliche, oft diffamierende Opposition, zum Beispiel gegen Stresemann, geführt; im stillen Kämmerlein waren viele sich damals schon klar über das, was heute von keiner Seite mehr bestritten wird: daß dieser kluge Patriot mit gewandter Zähigkeit das Menschenmögliche aus der damaligen Lage herausholte. War man unter Umständen für eine. Gewaltaktion zu haben oder unbedingt verfassungstreu? Mir werden die Worte Helfferichs aus einer Vorstandssitzung 1923 unvergeßlich sein: "Wer mir mit Staatsstreich kommt, den werfe ich persönlich die Treppe hinunter!" Sein Antipode Hugenberg hat in dieser Hinsicht das Gegenteil gedacht und später getan.

Im Kampf um die Osthilfe

Der Schlachtruf "Agrarbolschewismus" sollte mich persönlich diskreditieren und zu Fall bringen. War es Neid? War es parteipolitische Verranntheit? Wieviel hätte mehr geschaffen werden können, wenn die Landbündler eine auch nur etwas positivere, sachlichere Stellung eingenommen hätten!

Auf der andern Seite fand ich Unterstützung und Zustimmung bei Kreisen; von denen man es am wenigsten hätte erwarten dürfen; nicht gleich, aber allmählich in immer stärkerem Maße. Zunächst war das, was ich tat und glaubte, so neuartig, zu sehraußer jedem bisher gewohnten Schema; die Öffentlichkeit mußte sich erst daran gewöhnen, manche Mißverständnisse waren auszuräumen. In zäher Arbeit und in unzähligen Unterhaltungen wurde das bewerkstelligt. So bildete sich allmählich in dieser speziellen Angelegenheit das, was ich vor Jahren in einer Reichstagsrede schon einmal – zum Kummer meiner damaligen Fraktionskollegen – als Ziel proklamiert hatte: eine Front der Vernünftigen.