Die Gefahr, aus Meldungen mehr herauszulesen, als sie enthalten, ist stets sehr groß. Aber zu einer gewissen optimistischen Beurteilung künftiger Möglichkeiten der deutschen Ausfuhrwirtschaft berechtigen doch zwei Meldungen der letzten Tage. Die eine besagt, daß eine amerikanische Delegation unter Führung von George E. Allan, Direktor der Reconstruction Finance Corporation, in Berlin eingetroffen ist, um über ein deutsches Aus- und Einfuhrprogramm zu beraten. Der Pressechef des Weißen Hauses, Charles Ross, hat dabei erwähnt, daß Dollaranleihen der Reconstruction Finance Corporation benutzt werden könnten, um den deutschen und österreichischen Außenhandel mit den USA zu fördern.

Weiter verdient Beachtung die Erklärung des Generals Draper auf der ersten Sitzung des Verwaltungsrates für Wirtschaft für die britische und amerikanische Zone, daß amerikanische Importeure nach Deutschland kämen. Bei dem Mangel an Fertigwaren aller Art für die deutsche Fertigwarenindustrie könnten in ein oder zwei Jahren Ausfuhrmöglichkeiten gegeben sein.

Die Reconstruction Finance Corporation, die durch die Reise von Direktor Allan in den Vordergrund getreten ist, wurde 1932 gebildet, um in der damaligen amerikanischen Kreditkrise der Privatwirtschaft eine Hilfestellung zu geben. Sie hat sich seitdem mit dem bei vielen staatlichen Betrieben festzustellenden Expansionsdrang zum wichtigsten Kreditinstitut der USA und zu einem der machtvollsten der Welt entwickelt. Es kann nicht überraschen, daß sie sich auch nach Kriegsende in die gegebenen Aufgaben einzuschalten versucht. Für Kreditgewährung an das Ausland hat sie 1934 als Tochtergesellschaft die Export-Import-Bank gebildet, die ebenfalls zu einer führenden Bank geworden ist. Diese finanzierte vrsprünglich die Agrar- und Industrieausfuhr der Vereinigten Staaten, gewährte später aber auch umfangreiche Kredite zur Erschließung fremder Länder und neuerdings zur Unterstützung von Bundesgenossen; so erhielten Frankreich eine Anleihe von 650 Mill. und die Niederlande eine solche von 210 Mill. Dollar. Insgesamt kann sie Kredite bis zu 3,5 Mrd. Dollar geben, von denen 820 Mill. noch verfügbar wären. Doch sind davon schon 500 Mill. für besondere Zwecke vorgesehen. Die Export-Import-Bank wäre ohne Zweifel die Bank für Kredite an Deutschland, zumal die neue Weltbank nur an Mitgliedsstaaten Kredite geben kann. Erwähnt sei noch, daß der Leiter der Delegation, der 50jährige George E. Allan, zu den engsten Mitarbeitern von Truman gehört und in der letzten Zeit einen starken Einfluß auf die amerikanische Politik erlangt hat.

Dollaranleihen an die deutsche Ausfuhrwirtschaft wären durchaus geeignet, die Erstarrung der deutschen Wirtschaft aufzulockern. Deutsche Produktionskapazitäten liegen unausgenutzt; anderseits macht sich überall. am Weltmarkt eine erhebliche Nachfrage nach Erzeugnissen bemerkbar, die früher von Deutschland geliefert wurden. Die deutsche Industrie kann jedoch nicht liefern, weil (abgesehen von politischen und verwaltungsmäßigen Hemmungen) Rohstoffe und Halbfertigwaren fehlen. Wenn sie auf dem Kreditwege geliefert werden könnten, wäre dies für die deutsche Industrie der gegebene Weg und für den Kreditgeber kaum ein Risiko. Die technischen Fragen wären relativ belanglos, so etwa, ob eine Globalhaftung als weitere Sicherung gewährleistet wird, wobei allerdings die Frage auftauchen würde, inwieweit politische deutsche Instanzen Unterschriften geben könnten. drgr.