Von Sigurd Paulsen

rückende Sorgen, aber auch große Hoffnungen unserer Epoche gelten der politischen Entwicklung Asiens seit dem zweiten Weltkrieg. Wir sollten sie niemals aus dem Auge verlieren, auch wenn die Sensationen der Pariser Konferenz oder der amerikanisch-sowjetischen Spannung uns gegenwärtig stark beschäftigen. Indien, dessen Geschicke seit Anfang September eine eigene, von den Briten eingesetzte Regierung zu lenken unternimmt, hat sich durch den Mund des verantwortlichen Leiters seiner Außenpolitik, Pandit Nehru, soeben in einer grundsätzlichen Erklärung vor Pressevertretern in Delhi zu Worte gemeldet. Noch ist das Staatsgefüge des 300 Millionen-Volkes nicht gefestigt; Verwaltung, Heer und auswärtiger Dienst sollen erst aus dem Nichts geschaffen werden, aber das ideologische Schwergewicht der nun entstehenden asiatischen Großmacht wird bereits spürbar. Eine indische Weltpolitik, wie Nehru sie skizziert, würde einst in das Schicksal Asiens, ja des Erdballs eingreifen können

Eines machte Nehru von vornherein deutlich: Das neue Indien wird sich nicht damit begnügen, in der Gruppe der Empirestaaten vorsichtig seine ersten selbständigen Schritte zu wagen. Wer Nehrus lebensvolle, aus den Kämpfen der Kongreßbewegung bekannte Persönlichkeit vor Augen hat, wird dadurch nicht überrascht sein. Freilich wünscht er auch nicht, daß Indien mit der Unbändigkeit des Neuankömmlings bestehende Weltprobleme unnötig kompliziert. Sein Indien ordnet sich ein, sofern nur der Kern seines politischen Glaubensbekenntnisses – Gleichberechtigung der Rassen beim Neubau der Welt – respektiert wird, Nehru fordert die Aufhebung des Kolonialsystems nicht nur in Asien, sondern in allen Erdteilen Aus dem Munde eines indischen Kongreßführers kommt eine solche Erklärung zwar keineswegs unerwartet, aber von der neuen Warte in Delhi aus gesprochen, dringt sie tief in das Bewußtsein wartender Millionen in und außerhalb Indiens ein und wird wohl besonders in Moskau, wo man ein ähnliche These vertritt, aufmerksam notiert werden.

Praktisch liegt Nehru vor allem an der Errichtung eines, eigenen indischen Auswärtigen Dienstes Da kein geschultes Personal zur Verfügung steht, wird er seine außenpolitischen Mitarbeiter unter den jungen Juristen und Publizisten der Kongreßpartei oder auch aus indischen Wirtschaftlern wählen müssen. Hier haben die Engländer eine Chance verpaßt. Hätten sie beizeiten vorgebaut und etwa nach dem ersten Weltkrieg Inder als Konsuln und Attachés in Empireländern, entsprechend den britischen diplomatischen Traditionen, ausgebildet, so könnte ihnen das heute von unschätzbarem Wert sein. Statt dessen ist Nehru genötigt und – berechtigt, von vorn anzufangen. Er wird ohne Zweifel eine eindeutig national eingestellte Diplomatie aufbauen. Die geringen bestehenden Ansatzpunkte verleugnet er nicht Er spricht von der Möglichkeit, die vorhandenen indischen Generalagenturen in Washington und Nanking zu Botschaften zu erhöhen und von Australiens Anregung, die Hohen Kommissare zu Gesandten zu machen. Ferner kündigt er die Errichtung eines Konsulats in Bangkok und eines Vizekonsulats in Saigon an. Vor allem aber plant er die Entsendung einer Freundschaftsmission nach den Ländern des Mittleren Ostens Er hofft, daß sein politischer Freund Azad ihre Leitung übernehmen wird. In Iran, so fügt Nehru hinzu, werde Indien nicht notwendigerweise die-gleichen Interessen vertreten wie England. Wir entsinnen uns dabei des Aufsehens, das die Entsendung, britisch-indischer Truppen nach Basra im Irak während des Streiks in den Werken der Anglo-franischen Öl-Kompagnie in Südpersien, überall im Mittleren Osten hervorrief. Es wird Azads Freundschaftsmission obliegen, die Stimme des eigentlichen Indiens zu Gehör zu bringen, dem es nach Nehrus Worten fernliegt, sich in bewaffnete Auseinandersetzungen befreundeter Völker einzumischen.

Nehru sprach sich auch gegen die Verwendung britisch-indischer Truppen in Indonesien aus, gegen – die die indische Öffentlichkeit seit Monaten leidenschaftlich Stellung nimmt. Es sei zugesagt worden, daß die letzten dieser Einheiten im November zurückgeschickt würden. Indien sei hundertprozentig auf der Seite der Indonesischen Volksrepublik. Mit Interesse verfolge das indische Volk ferner die Entwicklung, in Palästina und Persien, in China, in Siam und Indochina; es beobachte mit Besorgnis den gegenwärtigen Zustand im portugiesischen Goa. – Mit den aufständischen Stämmen an der indischen Nordwestgrenze, deren Befriedung die Briten wiederholt durch Luftbombardements versucht haben – ein Mittel, das sich unterschiedslos über Gerechte und Ungerechte auswirkt und daher nach indischer Auffassung stets neue Gegensätzlichkeit und Feindschaft hervorruft will Nehru direkt verhandeln, um zu konstruktiver, wirklicher Zusammenarbeit zu kommen. Er gedenkt so gleichzeitig die Wünsche des benachbarten Afghanistan zu erfüllen. Auch Ceylon wird Nehru persönlich besuchen. Er begrüßte die neuerdings eingeleitete Mitarbeit der burmesischen Nationalisten an der von den Briten eingesetzten Regierung ihres Landes. Was die bekannten Auseinandersetzungen Indiens mit der Südafrikanischen Republik um die Rechte der dortigen indischen Volksgruppe betrifft, erhob er grundsätzliche Einwendungen gegen den südafrikanischen Plan, das ehemalige Deutsch-Südwestafrika der Union einzuverleiben. Mandatsgebiete sollen nach indischer Auffassung, sofern sie nicht ganz freigegeben werden, so bald wie möglich unter die Aufsicht der UNO kommen, die dann treuhänderisch ihre Entwicklung zur Selbständigkeit zu überwachen hätte.

Die auf ganz Asien und weit über die Grenzen dieses Erdteils hinausgreifenden Pläne Indiens wünscht Nehru auf einer "All-Asien-Konferenz" im Frühjahr 1947 einem Kreis gleichgesinnter Staatsmänner auseinanderzusetzen. Nicht nur Indien, China, die Länder Hinterindiens und des Mittleren Ostens, sondern auch die asiatischen Sowjetrepubliken sollen dort vertreten sein. Eine solche Konferenz dürfte dann wohl ein vollständiges Panorama der politischen Kräfte Asiens nach Abschluß des zweiten Weltkrieges bringen. Wir kennen diese Kräfte in ihren einzelnen Manifestationen. Da ist das Gegeneinander in Iran – der Teheraner Regierung und der von den Sowjets ermutigten Tudehpartei wider die Feudalen und die südpersischen Stämme –, der jüdisch-arabische Kampf um Palästina, die Auseinandersetzung der Indonesier mit den Holländern; da sind die Geburtswehen. der Viet-Nam-Republik in Hinterindien und die Befürchtung, sie könnte in einer unter französischer Leitung verbleibenden Indonesischen Föderation erstickt werden; da sind schließlich die Wirren um die Neuordnung in Burma, Siam und auf der Malaiischen Halbinsel. Diese Brennpunkte asiatischer nationaler Erhebungen liegen zugleich an den Überschneidungen der sowjetischen mit der anglo-amerikanischen Einflußsphäre. An mehreren Stellen wird ernstlich gekämpft, nirgends ist es ganz ruhig. Bei einer Zusammenschau im Lichte einer ‚,All-Asien-Konferenz" werden diese Bewegungen sich gegenseitig legitimieren. Es wird dort kaum eine Phalanx des Bestehenden geben, und die "drei Großen", um im Stil der Konferenzen von Paris oder London zu reden, heißen diesmal: Indien. China und die Sowjetunion.

"Die Entdeckung Indiens" heißt ein Buch, das Nehru während der letzten seiner neun Haftzeiten – sie liefen von August 1942 bis Juni 1945 – verfaßt hat Das selbständige Indien und seine Ausstrahlungen nach Nord, Ost und West muß in der Tat von der politisch interessierten Weltöffentlichkeit wieder einmal neu entdeckt werden. Auch wir Europäer sollten bedenken, daß Indien im Grunde auf dem gleichen Kontinent mit uns liegt, und wenn Mißtrauen auftaucht, sollten wir in Betracht ziehen, daß es sich auch zu denselben Idealen des internationalen Zusammenlebens bekennt. Es plant anti-britisches Pronunziamento. Beispielsweise hat kürzlich das "Indische Institut", dessen Präsident Nehru ist, beschlossen, eine anglo-indische kulturelle Liga ins Leben zu rufen, die wie englische Zeitungen bemerken, vermutlich eine ähnliche Rolle spielen soll wie in London und Moskau die Gesellschaft für die kulturellen Beziehungen zwischen England und der Sowjetunion. Der .Manchester Guardian" schließt einen der Nehru-Erklärung gewidmeten Leitartikel mit der Mahnung "Wir müssen die Inder zu Freunden gewinnen auch wenn es uns Mühe kostet, unser Empire mit neuen Augen anzusehen." Aus Nehrus Worten klingen nicht die Fanfaren einer Welt-Revolution Er spricht als Erhalter der Ordnung und aus asiatischer Weisheitsfülle heraus, so daß es wenig Sinn hätte, wollten wir uns an das Wetterleuchten erinnern, das in den ersten Jahren der Sowjetunion Suniatsens Zerwürfnis mit dem Abendland und seine Reise in das Moskau des Weltrevolutrevolutionärs Trotzki begleitete Damals sahen phantasiebegabte Gemüter bereits eine russischchinesisch-indische Troika über die Gefilde Eurasiens bedrohlich heranbrausen. Heute hingegen ist es an der Zeit, zu bedenken, daß die Ozeane Brücken geworden sind und daß die Amerikaner dem asiatischen Nationalismus brüderlich die Hand reichen