Von Hanns Braun

Mit gutem Grund ist angesichts der menschlichen Ungeheuerlichkeiten, die aus den übertünchten Gräbern des vergangenen, Jahrzehnts aufgestiegen sind, des öfteren nun die Frage gestellt worden, ob ihnen nicht ein WAHN müsse zugrunde liegen, ein Wahn ähnlich dem, der die Hexenverbrennungen, die Ausschreitungen der Wiedertäufer, die greuelrollen Schlächtereien der Französischen und anderer Revolutionen jeweils ermöglicht und befeuert hat.

Kennzeichnend für den WAHN ist ja, daß die von ihm Befallenen sich nicht nur nicht bewußt sind, etwas Böses zu tun, sondern tatsächlich ein gutes Werk zu verrichten meinen. Ein Vertilger von Schaben, Ratten, Engerlingen würde gegen den Einwand, sein Tun sei unmenschlich, entrüstet darauf bestehen, daß es gerade dem Menschen zugute comme. Hat also jemand die Überzeugung in sich erst einmal ausgebildet, ein Volk etwa sei als Ganzes "Ungeziefer", das man zum Besten aller indem ausrotten müsse, dann können ihn die fürchterlichen Begleitumstände des in die Tat umgesetzten Wahnes als solche nicht wohl beirren. Denn die Vernichtung dünkt ihn ja eben das Gute.

Damit jemand so denke und folgere, muß irgendwann, das versteht sich, ein Abfall im Glauben vorausgegangen sein. Denn der Glaube, er allein, Indem er Gut und Böse aufs genaueste unterscheidet, widerspricht zugleich mit höchstem Ernst der vereinfachenden Scheidung in an-sich-gute, ansich-böse Menschengruppen und rettet so mit der Verantwortlichssprechung des Einzelmenschen nicht nur seine, sondern auch der Völker Würde. Es ist a bezeichnend genug, daß der hitlerische Haß-Wahn, einmal in Fahrt gekommen, keineswegs bei den Juden haltmachte. Andere Völker, auch jeder irgendwie widersprechende Deutsche – und wie viele gerade von ihnen! – rückten sehr schnell aus dem Schonbereich in die Zone der Vernichtung. Zudem hatte, wie wir spüren mußten, auch die übrige gesittete) Welt angesichts der offenbaren hitlerischen Untaten zumindest Mühe, nicht gleichfalls dem WAHN anheimzufallen – dem Wahn, daß die Deutschen (dies Ungeheuerliche mitmachend oder wenigstens duldend) an sich böse Wesen seien, die wie Ungeziefer auszurotten ein Verdienst an der Menschheit sein müßte.

Demgegenüber erweist es sich als notwendig zu intersuchen, welche Mittel der – vernichterische Wahn in dieser unserer Zeit angewendet hat und gewiß weiterhin anwenden wird, um den Widerstand der aus sittlichen Gründen Nichteinverstandenen auszuschalten. Es ist eine gewichtige, aber nicht die ganze Wahrheit, wenn man sagt, er habe sich des Terrors, der Einschüchterung mit eben der rücksichtslosen Grausamkeit bedient, die wir nun gegen die Deutschen zurückschlagen sehen, wo immer man sie der Rachsucht als Beute und Opfer überließ. Trotz alledem wäre der WAHN bei einem entwickelten Volk wie dem deutschen, das für gewissenhaft und über die Maßen ordnungsliebend gelten durfte, wohl nicht so vollständig ans Ziel gelangt, hätte er nicht außer der Brechung des Willens noch jenes andere Mittel einzusetzen gehabt, das wir hier "Die Unterteilung des Bösen" nennen und das aus der Ordnung selbst, aus der Ordnung nämlich eines Massenzeitalters, unmittelbar gewonnen werden konnte.

An sich hat es das zu allen Zeiten gegeben: daß brave Menschen zu, irgend etwas Bösem dienten, weil man sie den bösen Endzweck nicht oder zu spät erkennen ließ. Aber der eigentliche Triumph dieses Mittels, nämlich die fast zauberische Beseitigung des Gewissenskonfliktes selber, ist in solchem Ausmaß doch erst möglich geworden in einem Zeitalter, das sich mit seinem Überhandnehmen des Funktionellen, seinem Durchorganisieren und schmarotzerhaften Bürokratisieren als ein End-Zeitalter ohne echte elementare Wachstumskräfte ausweist.

Nehmen wir, um das besser zu verstehen, einen in jedem Sinne naheliegenden Vergleich. Bekanntlich wurden die Vernichtungsmaschinen des letzten Krieges vielfach aus Teilen zusammengefügt, die an ganz verschiedenen Orten von Menschen, die untereinander keine Verbindung hatten, gefertigt worden waren. Je mehr "Geheimnis" bei der Sache war, desto sorglicher wurde vermieden, daß die Arbeit der einen Gruppe von der nächsten und übernächsten eingesehen wurde. Erst in der Spitze, also bei den Urhebern und den Verantwortlichen des Planes, lief im Idealfall alles zusammen, wurde "das Ganze" überschaubar.