Von Walter Henkels

Der Bürgermeister Prinz, als er von oben durch eine Luke heruntergestiegen war, wo er neben der Speisbütte gestanden und gemauert hatte, sagte dies: "Am 15. September 1944, abends 10 Uhr 15, ging es los. Bis zum nächsten Morgen um 7 jede Viertelstunde ein Artillerietreffer. Die Amerikaner schossen aus der Gegend von Zweifall. Am 24. September mußte Hürtgen geräumt werden. Wir kamen nach Kelz bei Düren, aus dem Regen in die Traufe. Dreizehnmal in einem Vierteljahr hat das Dorf den Besitzer gewechselt. Im Dezember hatten es die Amerikaner endgültig."

Der Bürgermeister ist ein hagerer Mensch von 48 Jahren, Vater von fünf Mädchen. Sein Gesicht hat viele Falten. Im Wohnzimmer steht, von einer Militärdecke überzogen, ein Kanapee in bedrohlichem Zustand, ein Tisch und eine Art Anrichte aus rohem Holz. Zwei mächtige Hirschgeweihe hängen neben einem Kruzifix unbeirrt von der Nüchternheit des Raumes an der Wand Bis 1944 besaß Prinz 14 Stück Rindvieh und zwei Pferde, jetzt hat er wieder drei Kühe und ein Pferd. Er bewirtschaftet 36 Morgen Land, 14 Morgen können noch nicht bestellt werden, weil noch Minen liegen. Sein Haus, als er ohne ein Stück Vieh zurückkam, war eine Ruine. Ganz Hürtgen war eine Ruine. Kein Inventar, kein Ackergerät mehr. An der Straße gegenüber stehen in einem Vorgärtchen fünf Kreuze aus Kistenbrettern, Soldatengräber.

Der Name des Dorfes, das 550 Einwohner zählt, und des nach ihm benannten Hürtgenwaldes, die geschlachtet wurden, wie es nur einer Schlacht gemäß ist, ist vor zwei Jahren um den ganzen Erdball gelaufen. Dieser Hürtgenwald ist nicht so sehr ein Faktum; er ist ein Tatbestand organisierten Wahnsinns, die Apokalypse des Jüngsten Gerichts schlechthin. Denn das, was dort vor uns steht, Kilometer um Kilometer, unabsehbar, ist das Ergebnis dessen, daß das Kriegs-Metier gewissermaßen bis zur letzten Möglichkeit ausgeschritten wurde. "Man soll jeden hinführen, der das Wort Krieg noch einmal in den Mund nimmt", sagt der Bürgermeister.

Der Hürtgenwald ist 3000 Morgen groß, Staatsforst und liegt an der Straße Düren–Monschau, die wie ein gelbes Band hügelan, hügelab läuft, 15 Kilometer südwestlich von Düren, 20 Kilometer von Aachen entfernt. Kleine Bäche stolpern durch Mulden und Täler. Der Hürtgenbach fließt in die Weiße Wehe, diese in die Inde, die Inde in die Rur. Der östliche Teil dieses Waldes liegt auf unabsehbare Strecken wie ein der Haut entblößtes Tier. Ein schwarzer drohender Gitterwald, von diffusem Licht übergössen. Keine Chance haben das Grün und Gelb des Herbstes.

Die erste Schneise! Der Major zeigt mit seinem Minensuchstab auf ein Kleckschen Etwas, da wir kaum zwanzig Meter von der Straße entfernt sind: "Das ist ein Deutscher!" Der Deutsche ist: ein Rasierpinsel, ein Spiegelscherben, eine orangefarbene Butterdose, zwei Handgranaten, ein Karabiner 98k. ein Stahlhelm, ein Schnürschuh mit Socke und abgerissenem Fuß. Dort liegen Uniformfetzen mit einem Stückchen Ordensband, das einmal das EK-Bändchen war. Der Schädel istin eine kleine Kuhle gerollt Dortliegt ein Koppelschloß. Auf dem Koppelschloß steht – man kann es nicht übersehen: Gott mit uns!

Zehn Meter entfernt aber – dies sind vier Amerikaner: Totengebein, von Wind und Sonne gebleicht, ein Gummistiefel Gewehre, ein MG, Uniformfetzen, ein Rasierapparat, in einem Stahlhelm noch Würmer an der Kopfhaut Und, in Taschenformat, ein Büchlein, stockfleckig, vom Regen angefressen. Ich schlage es auf, neugierig, und lese: THE NEW TESTAMENT OF OUR LORD AND SAVIOUR JESUS CHRIST. Ein paar Lieder im Buch, das erste überschrieben: ONWARD, CHRISTIAN SOLDIERS