Der Krieg hat das Netz des internationalen Güter- und Zahlungsverkehrs völlig zerstört. Alte Wirtschaftsbeziehungen würden zerrissen. Die Kriegführenden fielen als Lieferanten für den Weltmarkt aus oder wurden infolge von Blockade und Gegenblockade von früheren Absatzmärkten getrennt. Anderseits wurden durch den wachsenden Kriegsbedarf neue starke Warenströme aufgelöst und neue Fäden geknüpft. Mit einem echten auf gegenseitigem Nehmen und Geben beruhenden Leistungsaustausch aber hat diese Form des internationalen Warenverkehrs nichts gemein. Sie verschwand daher, als ihre Voraussetzung, der Krieg, entfiel Zurückblieb allein das Trümmerfeld der alten Weltwirtschaft, zusätzlich belastet mit zahlreichen neuen Problemen. Denn die Entwicklung war nicht stehengeblieben. Der Ausfall ehemaliger Lieferanten zwang viele Einfuhrländer, sich nach neuen Bezugsquellen für den laufenden Bedarf umzusehen oder früher eingeführte Waren selbst zu produzieren. Jeder weltwirtschaftliche Wiederbeginn kann daher nicht nur eine Wiederanknüpfen an einen alten Zustand, sondern muß völlige Neuschöpfung sein.

Die netten Lieferanten können nicht einfach als Lückenbüßer beiseite geschoben, die unter Opfern aufgebauten heimischen Industrien nicht wieder abmontiert werden. Diese durch den Krieg ausgelösten Neubildungen müssen vielmehr "verdart und in die sich herausbildende Neuordnung übernommen werden. Die Wiederherstellung eines solchen neuen Gleichgewichts aber erfordert naturgemäß Jahre. Die Deckung des aufgestauten Nahrungsmittel- und Rohstoffbedarfs der vom, Kriege verwüsteten Länder ist daher, solange die Kraft zu eigenen Gegenleistungen noch fehlt, nur mit Hilfe ausländischer Kredite möglich. Währungsstabilisierungsanleihen und Überbrückungskredite sind daher typisch für die ersten Nachkriegsjahre. Das galt nach dem ersten Weltkrieg und gilt auch heute. Zum Unterschied von damals stammen die großen Stützungsanleihen heute jedoch überwiegend rot einer Quelle, den Vereinigten Staaten, denen sich selbst der größte Kapitalgeber von einst mit einem gewaltigen Betrage verschuldete.

Diese Tatsache deutet auf eine zweite noch tiefer greifende weltwirtschaftliche Strukturverschiebung hin: das Ausscheiden Europas als Kapitalgeber der Welt. Betrachtet man die Entwicklung unter diesem Aspekt, so stellt sie sich dar als eine in drei Wellen erfolgende internationale Kreditentflechtung, die durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise ihre entscheidenden Impulse erhielt

Der erste Weltkrieg brachte den ersten Rückschlag für Europa, der damals allerdings noch kann als solcher erkennbar war: Deutschland schied als Kapitalgeber aus und übernahm statt dessen die-Rolle des führenden Schuldnerlandes. Die französischen Auslandsanlagen, die überwiegend nach politischen Gesichtspunkten erfolgten, wurden stark angeschlagen, vor allem durch den Verlust der russischen Anleihen. Ein ausgesprochener Vertrauensmangel blieb daher der Grundzug der französischen Investitionspolitik. England hat seine Gläubigerstellung zwar auch nach dem ersten Weltkrieg noch im wesentlichen halten können, der entscheidende Wandel lag jedoch darin, daß es seine frühere Vormachtstellung verlor und die Vereinigten Staaten zumindest als gleichrangigen Wettbewerber anerkennen mußten. War London vor dem ersten Weltkriege mit weitem Abstand vor Paris und Berlin das Finanzzentrum der Welt, so trat nunmehr Neuyork gleichberechtigt daneben. Besonders auf Lateinamerika, aber auch auf Kanada war die Anziehungskraft des neuen Zentrums erheblich.

Vergleicht man Englands Auslandsanlagen etwa in den Jahren 1913 und 1930, so springt ein erheblicher Rückgang der Investitionen in USA ins Auge, dem eine starke relative Zunahme der Empire-Anlagen gegenübersteht. Innerhalb des Britischen Reiches bestehen jedoch erhebliche Unterschiede: besonders stark war das Tempo der Neuverschuldung im Falle Neuseeland und Australien, erheblich gemäßigter bei Indien, während die englischen Anlagen in Kanada per Saldo kaum noch stiegen. All diese Einzelerscheinungen sind bezeichnend: wenn auch der Gesamtstand der Anlagen noch gehalten werden konnte, so führte der Einsatz des bisher stärksten Aktivpostens, die amerikanischen Eisenbahnaktien, zum Zwecke der Kriegsfinanzierung doch zu einer entscheidenden Schwächung gegenüber den Vereinigten Staaten. Englands gleichzeitiger kapitalistischer Rückzug aus der Welt wurde zwar zum Teil durch eine verstärkte Konzentration auf das Empire ausgeglichen, aber selbst das Reichsgebiet blieb nicht mehr unbestrittene Domäne. Kanada gravitierte bereits zum Schwerpunkt USA. Die Vereinigten Staaten ihrerseits haben die Kriegskonjunktur im Sinne eines großangelegten Abbaus der auswärtigen Verschuldung weidlich genutzt. Die noch ausstehenden amerikanischen Schuldtitel wurden, soweit sie nicht von den bisherigen Besitzern, angeboten wurden, von den USA an den ausländischen Börsen angekauft. Das Ergebnis ist bekannt: der Aufstieg des bisher wichtigsten Schuldnerlandes zu einem der größten Gläubiger der Welt.

Die zwanziger Jahre standen im Zeichen dieser Entwicklung. Aber gerade der Kapitalexport der USA ist auch ein Beispiel dafür, daß auf dem besonders diffizilen Gebiet des internationalen Kapitalverkehrs langjährige Tradition und Erfahrung zweifellos Vorzüge des Londoner Finanzplatzes – nicht ohne weiteres durch bloße Anlagefähigkeit und -bereitschaft zu ersetzen sind; Die Auswahl der Schuldner ließ oft die nötige Sorgfalt vermissen. Eine Reihe weiterer Umstände kam hinzu, so daß ein Großteil der Neuanlagen bereits nach kurzer Zeit notleidend wurde und dem amerikanischen Publikum die Lust zur weiteren Zeichnung von Auslandsanleihen verging, zumal der inneramerikanische Wirtschaftsaufschwung Anlagemöglichkeiten in Fülle bot.

Der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, die die Zwischenkriegszeit übrigens in zwei ziemlich gleichlange, in ihrem Charakter restlos verschiedene Zeitabschnitte zerteilt – die "Vorkrisenzeit" etwa von 1919 bis 1929 und die "Nachkrisenzeit" etwa von 1929 bis 1939 –, trug neue Erschütterungen in das zum Teil reichlich unsolide aufgeführte internationale Kreditgebäude hinein und brachte es praktisch zum Einsturz. Während sich der Warenverkehr allmählich wieder erholte, hielt die Vertrauenskrise auf den internationalen Kreditmärkten an. Im unmittelbaren Anschluß an die Krise wurden alle nur möglichen Anstrengungen unternommen, um die auswärtigen Schulden abzutragen.