Ursprünglich hat es geheißen, daß Spinnen, solange es nur als abendliche Freizeitgestaltung betrieben werde, "erquickend und labend" sei; wer aber seinen Lebensunterhalt damit erwerben müsse (und also jeden Morgen am Rocken sitze) sei übel daran: "Kummer und Sorgen". Eine Zeit, die den Sinn des Wortes nicht mehr verstand, hat daraus eine verquere Glücks- und Unheilprophezeiung gemacht, ist vom Spinnen auf die Spinne gekommen, und hat das Verslein "Spinne am Mittag – Glück für den Dritt-Tag" noch zur Antithese hinzugefügt. Eine ähnliche Mißdeutung hat, bei ihrer Übertragung ins Hochdeutsche, die gemütliche plattdeutsche Redensart gefunden, mit der man den Gast zu nötigen pflegte: "Aet man de Schötel leer – givt morgen (wat) Gaud’s weder". Also es gibt dann kein Aufgewärmtes, sondern wieder gutes Frischgekochtes: das ist der ursprüngliche Sinn jener Redensart, die heute "gutes Wetter’ verspricht, wenn kein Rest in der Schüssel nachbleibt. – Daß der Maulwurf nichts mit dem Maul zu tun hat, sondern nach den Spuren seines Wirkens, den Erdhügeln genannt ist, haben wir (hoffentlich) alle in der Schule gelernt: "mult" ist ein altes, sonst verlorengegangenes niederdeutsches Wort für Erde, und warp, wurth, warf, werft ist das "Aufgeworfene", das künstlich erhöhte Gelände – in allen Sprachen rund um die Nordsee.

Ganz anders als mit dem Maulwurf steht es nun aber mit dem Maulaffen. "Es sperrt Maul und Nase auf" heißt es im Oberdeutschen; "hei hett’t (oder: hei hält’t) Mul oapen" sagt man auf Platt. Die Handwerksburschen werden diese Redewendung nach Mitteldeutschland gebracht haben, wo sie nicht verstanden wurde, so daß nun die Umbildung "er hält Maulaffen (feil)" geprägt wurde. – Warum aber heißt der Handwerksbursche "Bruder Straubinger?" Mit dem niederbayerischen Straubing hat dies wohl nichts zu tun. Meine Lösung ist die: Im Oberfränkischen sagt man von einem Menschen, den die Franzosen als "filou" bezeichnen würden, er sei-ein "staubiger Bruder" ("Bruader, der staubige" – in der Anrede: "Bruader staubiger"). Das paßt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, immer auch auf den fahrenden Gesellen, und so mag er diesen Titel dort im Fränkisch-Bayerischen empfagen und durch die halbe Welt weitergetragen haben.

Wenn ein Mensch einen anderen im Stiche läßt, so hat das mit der mittelalterlichen Turnier-Sprache, wie manche Philologen behaupten wollen, nichts zu tun. Die richtige Ableitung ist vielmehr: er läßt ihn "der in stecken". – "Frankfurt stickt voller Merkwürdigkeiten", sagte Goethe noch; damals wurde also auch im Oberdeutschen noch die intransitive Form von "stecken" stark konjugiert ("stecken", "stak", "gestocken" mit der Präsensform: "er, sie es stickt"). "Zum Kugeln finden", er würde sich "vor Lachen kugeln" – aber dies "kugeln" hat mit "sich überschlagen" nichts zu tun, sondern ist das mißverstandene plattdeutsche "gucheln", das nichts anderes als (lautmalend) "Sachen" bedeutet.

"Hei lät dat in de Hoar drögen" heißt eine mecklenburgische Redensart, die besagen will: er läßt eine ihm anvertraute Sache verkommen, läßt einen Auftrag aus Gleichgültigkeit unausgeführt – kurz gesagt: er ist interesselos. Ich bilde mir ein, daß die Hoar" nicht die Haare sind (denn die Vorlegung, daß jemand eine ihm gleichgültige Sache "in die Haare" schmiert und dort trocknen läßt, gibt ja keinen Sinn), sondern "die Har" bedeutet noch wohl die Hardt, den Wald – wie in Harburg, im Rothaaar-Gebirge (das eigentlich Rode-Hardt, Wald-Rodung, heißt) und beim Haarstrang im Vestfälischen, der ja sicherlich ab origine ein Hardts-Rang war. J. P. H.