Von Tami Oelfken

Der Herr Rektor hatte die Gewohnheit, unerwartet, nur mit einer scheinheiligen Liste unter dem Arm, in meinen Unterricht zu kommen, vielleicht, um nachzusehen, ob ich noch nicht von den siebzig Sechsjährigen verschlungen war. Siebzig Jungen und Mädel einer Volksschule des Industrieortes G.! Das mag auch heute erschreckend klingen Indessen, der Himmel trifft immer wunderbare Vorsorge: das Problem sinnverwirrender Vielheit war mir fremd. Als ich an jenem ersten Abend meines ersten Schultages erschöpft, aber selig in meinem Bett lag, sah ich vor mir die langen Reihen der niedrigen, schwarzen Bänke, und dicht an dicht krochen und lehnten sie: meine Schüler. Auf jeder Bank hatte ich bereits ein Stützpunktchen für meine Vorstellung, indem immer einer von den vielen sich durch ganz persönliche Eigenarten abhob.

Auf der ersten Bank, saß die kleine, dicke, runde Deern nit der roten Schleife steif nach oben, Sie Stand alle naselang auf, teils, um erneut einen Überblick zu gewinnen, teils, um ihren Rock und ihre Hose stramm zu ziehen, auf der sie sich dann behäbig wieder niederließ. In der zweiten Bank saß Käthe Mertens, die uns ohne Aufforderung das schöne Lied gesungen hatte:

"Eene meene ming mang,

stung stang,

eene meene mu,

dat do ick nich, dat deist du."