Auch die Schulreform und die Angleichung der Schulsysteme wären ein trockenes Problem, würden sie nicht aus dem zauberischen Blickwinkel von Andechs betrachtet: das schaut wie ein Merianscher Stich in die bayrische Landschaft. In den weichen Linien der Wälder schläft der Ammersee, und von der Turmwarte des Klosters Andechs entbändert sich die Hügelkette wie eine Stiftersche Silberstichzeichnung; Das besinnliche Benediktinerkloster Andechs liegt auf einem uralten Burgsitz. Der Prior war diesmal der Gastgeber illustrer Gäste: der bayrische Kultusminister Franz Fendt und der hessische Minister Schramm, der Württemberger Theodor Heuß und der Hannoveraner Grimme bildeten den Kreis der gelehrten Fachkenner und Schulmänner, die sich zu den schlichten Mönchen gesellten. Auch das neue Land Nordrhein-Westfalen und Hamburg hatten Vertreter geschickt, um die deutsche Einheit im Bildungswesen zu betonen. Noch kurz zuvor, war in München aus dem Munde von Minister Fendt das schwerwiegende Wort gefallen: "Wir werden trotz unserer Not wohl den Haushalt, der sich mit dem Kultusministerium befaßt, großzügig ausstatten und dem Volk erklären müssen, daß die Etats der Unterrichtsminister an die Stelle der früheren Rüstungsetats zu treten haben." Gewiß: an Stelle der verpufften Rüstungsmilliarden stehen einfach die Kulturmilliarden nicht mehr zur Verfügung. Aber die Parole, die in der Debatte von Minister Grimme aufgenommen wurde, kennzeichnete den Geist dieser Ministerbesprechung, und da es sich um die verantwortlichen Männer des deutschen Bildungswesens handelte, war es ein bemerkenswertes Omen für den ideellen Willen, der die süddeutschen Länder beseelt. Die Entwicklung vollzieht sich gleichtaktiger als 1918. Diesmal müssen Formeln gefunden werden, die den Schulaufbau Schleswigs mit dem in Bayern auf einen gemeinsamen deutschen Namen bringen.

In der stillen, abendlichen Versunkenheit von Andechs, das sich mit dem Kirchlein, in dem der Organist Berr eine Andachtstunde an der klangschönen Orgel abhält, in die weiche Landschaft schmiegt, wird offenbar, was dies Land dem deutschen Bildungsaufbau zu geben hat: seine innere Gelassenheit, seine bremsende, so viel befehdete Besinnlichkeit, die im Gegensatz zur Beweglichkeit der andern deutschen Stämme steht und durch die Flüchtlinge wohl jetzt auch strukturell geändert wird. Wenn in den Referaten über den Neubau unseres Schulwesens immer wieder die Besorgnis über Verfachlichung, Spezialistentum, falschgeleitetes Wissen und Wissensmangel überhaupt, die fehlenden Erzieher und das Material, das uns nicht zur Verfügung steht, zum Durchbruch kam, so zeigt doch der Einsatz der Volksschulen – ein Bericht des Münchner Professors Held ließ die lebendige Arbeit am ursprünglichen Bildungsverlangen aller Volkskreise plastisch erstehen –, daß unser Volk selbst noch unverdorben und aufgeschlossen an die Aufgaben herangeht. Das ist ein Aktivposten, mit dem auch die Verflachung und Bildungsleere der letzten Jahre zu überwinden sind. Es geht nicht darum, Wissen als Macht auszumünzen. Das ist eine bedeutende Einsicht Minister Fendts. Der Kampf muß seelisch ausgetragen werden, und da der Aufbau nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ein geistiges Problem ist, wird im Schulwesen, das ja nicht nur die Volksschule umfaßt – auch wenn sie im Mittelpunkt der Erörterungen stand und stehen mußte –, der Grundstein für unsere künftigen seelischen Reserven gelegt.

Franz Fendt hat in einer Schriftenreihe des bayrischen Kultusministeriums einen Aufriß eines deutschen Bildungsplans Veröffentlicht. Seit Humboldt fehlt uns die überragende Persönlichkeit, die unser Bildungswesen wieder unter einem beherrschenden Gedanken zusammenfaßte. Fendt geht mit dem Bildungsideal der Harmonie sozialer Humanität auf Humboldt zurück, aber erweitert um das Problem des Sozialen, und wenn Minister Grimme an Stelle der Uniformität unseres Bildungswesens die Konformität, den Gleichklang bei aller schöpferischlandsmannschaftlichen Verschiedenheit verlangt, sind wir wieder auf dem Weg zu einem Bildungsziel, das vor der Welt Bestand hat. Bei all der trockenen Ausschußarbeit, die angesichts des bevorstehenden Schulgesetzes nicht zu umgehen war, trat eine beherzigenswerte Warnung bald aus dem einen, bald aus dem andern Ministermunde zutage: nichts zu übereilen. Das bezeugt eine überlegenere und ganz andere Haltung, als wir sie im stürmischen Hetzlauf der letzten Jahre erlebt hatten: Besinnung aus der Betriebsamkeit heraus in die Dauer. Bildung hat nur Sinn, wenn sie Dauer verbürgt. Das ist eine der bitteren Lehren des Bildungsverschleißes unseres vergangenen Systems. Wir haben von der Substanz gelebt. Sie ist verbraucht. Wir müssen, wieder Substanz aufspeichern. V.