Baden-Baden, im Oktober

Von allen ausländischen Ausstellungen in Deutschland ist das die kühnste: Museen wie der Louvre, das Pariser moderne Nationalmuseum, hervorragende Sammler und Galerien in Paris haben Bestes dazu beigetragen, eine erlesene Kollektion des französischen Impressionismus, die darüberhinaus bis zu Picasso weitergeführt ist, in Baden-Baden zusammenzustellen. Das "geistige Wagnis" der Kunst, von dem Jean Casson in der Einleitung des Katalogs spricht, ist von Camille Pissaro bis de Chirico und Max Ernst oder Leon Gischia sichtbar; die Franzosen scheuen sich nicht, Soutine und Chagall, Modigliani und de Chirico, Juan Gris und Picasso, Max Ernst und Pascin in diese geistige Familie aufzunehmen: Deutsche, Italiener, Russen und Spanier – zweifellos ist hier um die französische Überlieferung herum eine Elite von Neutönern beheimatet, der die Malerei verwegene Fragestellungen verdankt.

Über diese Ausstellung schreiben, hieße den Abriß der modernen französischen Malerei wiederholen: in diesem Pantheon des Impressionismus sind ein so markanter Cézanne wie sein "Raucher" neben Renoirs "Blühenden – Kastanienbäumen", typische Manets und träumerisch-besinnliche Pissaros neben dem aufreitenden Pointillismus Paul Signacs zu Gast, und die Bilder, die zur Schau stehen, sind prägnant, bezeichnend: der "Weiße Fliederstrauß" Edouard Manets – das ist Manet! Und Toulouse Lautrecs "Taube Berta" verarbeitet die ganze Psychologie dieses geistvollen Beobachters. Gauguin beglückt mit einem seiner charakteristischen Tahiti-Bilder, und Edouard Manets "Bierkellnerin in Reichshofen" ist ein Kapitel Zola.

Auch die modernen "Primitiven" sind nicht vergessen, von denen uns einige weniger geläufig sind: Louis Vivins "Grausames Schauspiel", die innige Wärme Henri Rousseaus, Rimberts feingetöntes "Stilleben" – eine bemerkenswerte Entdeckung – und Januot wie Bombois. Selbst der aparte und seltene Odilon Redon ist nicht außer acht gelassen. Maillol und Renoir sind am Orte, die beiden Pole der französischen Plastik, und wie fast immer enthält das ausgesuchte Stück den ganzen Künstler. Der geschlossene, künstlerische Raum des Impressionismus, in dem auch ein ergreifender, reifer van Gogh aufflammt – sein "Zimmer in Arles" –, öffnet sich plötzlich in die abstürzende Moderne. Wieviel Kämpfe waren einmal um diese Degas, Manets, Bonnards aufgeflackert, sie alle hat die Geschichte liquidiert. Jetzt zweifeln wir vor der farblich bis ins Feinste ausgemessenen Komposition Georges Braques, in der das solide Sehbild auseinanderfällt, um in einem neuen, höchster Intelligenz entsprungenen Sehakt zusammengezwungen zu werden. Daneben droht Picasso. Da ist die Überlieferung vollends zerschmettert: ein antiker junonischer Frauenkopf bis zur doppelgesichtigen Lemure. Noch gibt es Meister, die den Bruch zu verhalten suchen: Utrillo, Pascin, Laurencier, die Primitiven. Aber er ist unaufhaltsam. Schon macht sich Chiricos metaphysische Bedrängnis (im "Turm") neben Max Ernsts Schattenrissen des Nichts breit. "Wir sind zu lang im – Wald geblieben" heißt seine Vision; die Kubisten hämmern ihre Konstruktionen – Gromaire und Leger. Raoul Dufy gebärdet sich nervös-naiv, doch Ronault ist noch ein Block für sich: er repräsentiert das mittelalterliche Claudelsche Frankreich, und sein "Homo homini lupus" ist wie ein schwärendes Brandmal. Utrillo klingt wie ein letztes Erinnern an die stillen genießerischen Bilder der Impressionisten, soviel heiterer als der spanisch-düstere und doch bestechende Juan Gris, der den Bildinhalt wiederum in seine abstrakten Bestandteile zerlegt. Was dann folgt, ist noch unentschieden: Marchand ist sehr dekorativ, aber Lurçat behauptet sich durch den Esprit seiner konstruktiven Bildideen. Leon Gischia beschränkt sich schon wieder auf "neue Sachlichkeit", und was wir die Abstrakten im Sinne Franz Marcs nennen würden, ist ebensowenig durchschlagend wie die allzu schulgerechten Surrealisten in der Art Dalis. Und noch sind so erwähnenswerte Namen wie der von Suzanne Valadon oder Marquet unterschlagen, aber man müßte ein Kunstlexikon füllen, wollte man jeder dieser Persönlichkeiten gerecht werden. Ins Zentrum der Ausstellung haben die Franzosen jedoch den Repräsentanten beider Möglichkeiten, der impressionistischen und konstruktiven, gerückt: Henri Matisse. Es ist ein dekorativer Matisse. Form, Farbe und Phantasie. Er ist in der Tat das Symbol eines imponierenden geistigen Wagnisses, das nicht mit der Waffe, sondern mit dem Pinsel ausgetragen wird.

Egon Vietta

Bremen, im Oktober

Kokoschka war im Anfang der zwanziger Jahre Lehrer an der Akademie in Dresden. Er hat nur zwei Schüler gehabt, die man später auch noch nannte – F. K. Gotsch und Hans Meyboden.