Der Kraftwagenstrom drängt in alter Weise durch die ichmale geschwungene Talstraße der Elberfelder "Hofaue", durch die der Wuppertaler West-Ost Verkehr geschleust wird. Und doch herrscht, bei allem Verkehrslärm, in diesem einfügen Mittelpunkt des Wuppertaler Textil- und Bekleidungsgroßhandels eine beklemmende Stille. Die "Hofaue" ist vom Bombenkrieg schwer betroffen. Nur wenige der einstigen Elberfelder Großhandelsfirmen, die früher Haus bei Haus und Stockwerk für Stockwerk die ganze Fülle und Auswahl der Textil- und Bekleidungserzeugnisse gesammelt darboten, sind halbwegs erhalten geblieben oder haben sich in alten Räumen neu einrichten können. Wer zum ersten Male nach dem Kriege wieder Umschau hält, vermißt manchen Namen. Allein zwischen den Ruinen in Hinterhöfen regt sich hier und da neues Leben ohne Aufwand und äußeren Aufputz. Ein unscheinbares Schild an einem Trümmerdurchbruch weist den Suchenden zu bescheidensten Räumen eines alten Unternehmens von Rang. Andere Betriebe sind notgedrungen aus der "Hofaue" abgewandert und haben sich irgendwo "im Tale" oder außerhalb eine neue Heimstätte gesucht.

Manche der äußeren Züge des Großhandels werden von Dauer sein. Und zwar um so mehr, als durch Umstände und Findigkeit begünstigt, junge Unternehmen außerhalb der "Hofaue" aus kleinen Anfängen heranwuchsen. Der alte Großhandelskaufmann mit der ehrwürdigen Tradition seines Hauses findet sich oft in diesem Wandel nicht mehr zurecht; er sieht neue Gesichter, hört neue Namen und ist manchmal erstaunt darüber, was sich alles unter dem Begriff "Großhandel" birgt. Gewiß mag manches davon wieder vergehen, was nicht auf festem Grund gebaut ist, aber zu allen Zeiten sind auch neue gesunde Existenzen gegründet worden und haben sich allmählich im Wettbewerb Stellung und Rang erworben. Die kleinen Unternehmen haben im übrigen etwas voraus: die Eindeckung geringerer Warenmengen bereitet nicht solche Schwierigkeiten wie die Befriedigung der Ansprüche der großen.

Die Schrumpfung des Geschäfts ist kennzeichnend für die heutige wirtschaftliche Lage im Wuppertaler Textil- und Bekleidungsgroßhandel. Wenn die Industrie wenig zu liefern hat, muß auch der Großhandel darben. Was an Vorräten den Bomben des Krieges entging (durch glücklichen Zufall inmitten der Verheerungen, durch Auslagerung oder in Zweigniederlassungen), fiel zum Teil später einer wilden Plünderung zum Opfer. Ein altangesehenes Unternehmen hat auf diese Art seine gesamten beträchtlichen Bestände verloren, die außerhalb Wuppertals der Vernichtung des Krieges entgangen waren. Mit wenig Personal wird heute das stagnierende Geschäft, bestritten. Die "Kapazität" der "Hofaue", ihre vergleichsweise Bedeutung gegenüber der Vorkriegszeit, läßt sich nicht sicher bestimmen, aber sie ist auf einen Bruchteil gesunken. Ein führender Betrieb der Teppich- und Gardinenbranche begnügt sich mit knapp zehn Beschäftigten, wo früher über 180 zu schaffen hatten. Ist es verwunderlich, wenn das Stimmungsbarometer auf "Tief" steht mit etwas steigender Neigung wegen einiger bescheidener Hoffnungen auf die neue Produktions- und Warenlenkung in der Textil- und Bekleidungswirtschaft?

Die "Hofaue" und was sich darüberhinaus zum Textilgroßhandel bekennt, steht in Bereitschaft, überkommende Pflichten; zu erfüllen, als Mittler zwischen der Industrie und dem letzten Einzelhändler draußen im Lande. Die Aufgabe der Lagerhaltung (und der damit verbundenen Übernahme von Wagnis und Finanzierung) tritt vorerst völlig ins Hintertreffen. Der Warenverkehr wird bestimmt von der ungeheuren Größe des Sofortbedarfs. Bei dem Mangel an allen lebensnotwendigen Bekleidungswaren sind Saison- und Modeschwankungen fast ohne jeglichen Einfluß. So ist die volkswirtschaftliche Aufgabe des Textil- und Bekleidungsgroßhandels (als Ausgleich wechselnder Bedarfsstöße zwischen Herstellung und letzter Verteilung zu dienen) naturgemäß stark zurückgedrängt. Man muß auch hierin, wahrscheinlich für eine lange Frist, in Bereitschaft verharren, muß die Substanz möglichst zusammenhalten, um später gerüstet zu sein, wenn wieder ein halbwegs geregelter Warenverkehr beginnt. Der freie Güteraustausch im ganzen Reich – denn aus allen Zonen fließen die Spinnstoffwaren in die westdeutschen Großhandelskanäle – ist freilich eine entscheidende Bedingung für den Neuaufbau des Großhandels. H. A. N.-r.