Wenn die Menschen bloß täten, was Überzeugung und Gewissen ihnen vorschreiben! Aber nichts da! Sie fühlen sich vollauf gerechtfertigt durch Tun und Lassen "der andern". Danach richten sie ihr eigenes. Solange echte Sitte herrschte, die den einzelnen an das, was geziemenderweise alle halten mußten, verpflichtete, lag in dieser wie selbstverständlichen Nachahmung eine starke Schranke gegen die Auflösung, die ja stets mit Entsittlichung beginnt. Entsetzlicherweise aber tut Unsitte, einmal Herrin geworden, es darin der Sitte gleich: sie zieht Gefolgschaft aus der Gewissenlosigkeit und Nachahmungslust der Menge. So viele von denen, die es weit von sich wiesen, zum Pöbel zu zählen – in diesem Punkte sind sie es ganz und gar. Gesinnung? Gewissen? Was andre tun, bestimmt ihr Verhalten. Auch und gerade wenn sie möchten, daß diese andern anderes hätten tun sollen. Tut nichts, daß sie es für Unrecht ansehen an jenen andern: weil diese es taten, tun sie es auch!

Wer dürfte verkennen, welch furchtbare Gefahr das in einem Zeitalter der Vermassung über uns gebracht hat! Fangen wir bei den Frauen an, weil diese schon immer, als sie die Mode zur Tyrannin über sich werden ließen, gezeigt haben, daß für ihre nachgiebigere Natur das, was "alle" tun, eine unverhältnismäßige Verführungsgewalt besitzt. Aber mochten sie jeweils "alle" das nämliche verrückte Hütchen tragen –, das war harmlos; wenn sie zugleich das Luder Nanna links liegenließen und nichts anderes sein wollten als die andern auch, nämlich: ,anständig‘. Wie erschreckend aber, wenn sich plötzlich zeigt, daß die Nannas die mehreren geworden sind, und nun schon jeder halbwüchsige Fratz den traurigen Ehrgeiz hat, auch so bald als möglich ein Luder (wie "alle") zu werden, weil denn Anständigbleiben wie ein Raub an der eigenen feschen Fortgeschrittenheit erscheinen könnte.

Wer da meint, wir übertrieben, der sehe zu! Er verkennt eine ganz schwere Gewissensanfechtung, der die weibliche Natur aus mancherlei Gründen zugänglicher ist –, aber leider die weibliche nicht allein. Vielleicht wird man eines Tages dieses Jahrhundert mitsamt seinen grausigen Vernichtungskriegen und gerade auch deswegen als eine weibische Zeit entlarven, weil so viele Männer in aller Welt, statt nach Gesinnung und Gewissen zu handeln, sich zur bloßen Nachahmung "der andern" korrumpieren ließen. Wenn von denen allen, die täglich ihre Stellung, anvertrautes Gemeingut und die Hilflosigkeit oder Not der Mitmenschen zu ihrem eigenen Vorteil mißbrauchen, jeder ein blutrotes Mal über der Stirn bekäme – wieviel höllenmäßige Gesichter zeugten für die höllenmäßige Zeit!

Ach was da Gewissen! Sie tun ja nur, was "alle andern" auch tun. Sie wollen doch bloß nicht die Dummen sein. Die Dummen? Aber fühlt denn keiner von diesen Siebengescheiten, daß ohne Umkehr der Verderb für alle sicher, ist? Fühlt keiner von denen, die auf Unanständigkeit, Lüge, falsche Versprechungen, Betrug, Nötigung und Gewalt wie auf ein Recht trotzen, weil immer auch andere nicht so edel, hilfreich und anständig waren oder sind, wie sie es erwartet haben, fühlt denn keiner mehr, daß es ein Gespräch zwischen dir und deinem Gewissen gibt, dessen Verbindlichkeit auch dann nicht aufgehoben wird, wenn die ganze Welt ringsum voll Teufel wäre?

Jawohl, sie ist wieder einmal aus den Fugen; Schmach und Gram! Aber vielleicht liegt es an dir, an dir ganz persönlich, daß sie wieder in Ordnung kommt. Auf was wartest du noch? Wieder auf irgendwelche andern? Fange doch jeder endlich bei sich selbst an, das Gemeine zu lassen, und das Gute zu tun, nicht übermorgen erst, nein: heute noch und morgen mehr davon. So werden eines Tages auch "die andern" nicht fehlen. H. B.