K. W. Berlin, im Oktober

Für Berlin gilt nur noch ein Termin: der Wahltermin vom 20. Oktober. Berlin wählt, so hat et sich gefügt, zuletzt. In der amerikanischen Zone sind im Frühjahr und Sommer die ersten demokritischen Tastversuche gemacht worden; die Ostzone hat in einem vierzehntägigen Zyklus die ändert Hemisphäre der neuen deutschen Wirklichkeit angeleuchtet; in der englischen und französischen Zone sind die ersten Befragungen abgeschlossen, und nun wird die Wahl in Berlin als das kärende Votum erwartet.

Nick nur die Erfahrungen und Erkenntnisse, die Berlin aus den vorangegangenen Wahlen in den anderen Teilen Deutschlands ziehen mag, machen den Berliner Wahlakt weit über seinen lokalen Charakter hinaus interessant. Er wird das Klima überhaupt spiegeln, das Deutschland für sich und il Verflechtung mit den Auseinandersetzungen der großen Mächte heute erzeugt. Denn die Vierzcnenstadt mit ihren über drei Millionen deutschen Einwohnern, zu denen einige zehntausend Angehörige der vier Besatzungsmächte mit ihren vielfältigen und zentralen Funktionen kommen, wird selbstverständlich vom Hin und Her der Gesprache zwischen den Pariser Verhandlungspartnern ingleich mehr bewegt als jede andere deutsche Stadt. Gewiß, es ist eine deutsche Abstimmung. Aber die Abhängigkeit der deutschen Entwicklung von der Übereinstimmung der vier Mächte, die eben im Berliner Alliierten Kontrollrat stellvertretend für eine zentrale deutsche Regierung versammelt sind, sieht das Ja und Nein der Wählerentscheidungen immer in einer bestimmten Relation zu den herrschenden Mächten. Diese Situation ist verwoben in die andere, daß Berlin inmitten der großen russischen Zone liegt, die unter vielfach angefochtenen Bedingungen mit ihren Wahlen der Zone ein eindeutig von der aus der KPD hervorgegangenen Sozialistischen Einheitspartei geprägtes Bild gegeben hat. Das Phänomen daß rings um Berlin mit einem Schlage die Wirksamkeit einer Partei aufhören soll, die im Hin und Her der heftigen Berliner Debatten die herausjagende Rolle spielt, bestimmt natürlich nicht wenig die Erwartungen, die nun, vier Wochen bereits vor dem Wahltag, lebhaft das zeitungsselige Berlin beherrschen. Die Flut von Papier, die, von allen anderen Zonen mit Neid beargwöhnt, führt jetzt beinahe ausschließlich nur Wahlgit mit. Bei der Empfänglichkeit Berlins, sich ins Gewoge der Meinungen und Polemiken hineinreißen zu lassen, elektrisiert die kommende Wahl vollends das Leben der Stadt.

Die Wogen selbst waren, wie die letzten Ostwahlen bewiesen, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht ganz in den Rahmen des Groß-Berliner Stadtgebietes einzudämmen. Berlin schäumte über: eben dort, wo es sich immer zu Berlin gehörig fühlte, aber lediglich durch die Schranke der nichtvollzogenen Eingemeindung von Leid und Vorteil der großen Stadt getrennt blieb. Die großen überwältigenden Mehrheiten, die die SED tief im mecklenburgischen und brandenburgischen Lande besonder: dort erzielen konnte, wo nur die eine Liste der SED aufgestellt war, kamen nicht in den zu Brandenburg gehörenden großen Randgemeinden der Stadt Berlin zustande. Es gibt das Beispiel des östlichen Vororten Erkner, wo von den zwei zugelassenen Parteien die CDU gegenüber der SED die größere Stimmenzahl auf sich vereinigen konnte. Es gibt das Beispiel der südlichen Arbeitervorstadt Teltow, die immer sozialistisch gewählt hatte, diesmal aber mit 18 Sitzen der CDU gegenüber 12 Sitzen der SED einen überraschend neuen politischen Status schuf. Und es gibt unter manchen anderen das Beispiel des an Zehlendorf grenzerden westlichen Vorortes Klein-Machnow, in den 1700 SED-Stimmen 5700 Stimmen der CDU gegenüberstanden. Man muß wissen, daß die Menschen, die hier zur Wahl gingen, in Berlin ihre Arbeitsstätte haben, in Berlin Zeitungen lesen und in Berlin die Gelegenheit haben, sich ein Bild der politischen Wirklichkeit zu machen. Die CDU wertet diese Randerfolge von sich aus nur zum Teil als Erfolge ihrer Partei; sie weiß, daß auf ihre Liste sich hier mit ihren Anhängern die Wähler auch der beiden anderen Parteien, vor allem aber wohl der SPD, vereinigt haben. An diesen SpezialWahlergebnissen jedenfalls wird offenkundig, daß die in Berlin gegebene demokratische Möglichkeit, seine politische Meinung zu bekunden, sicherlich zu Ergebnissen führen wird, die erheblich von dem Schema der Ostzone abweichen werden.

Es ist bei alledem natürlich, daß der Berliner Wahlkampf seinen Akzent von der Mitwirkung der SPD bekommt. Die SPD in Berlin steht hier gewissermaßen erst in zweiter Linie für Erbe und Gedankengut der alten Sozialdemokratie, sie steht hier als Demonstrantin für das Recht demokratischer Überzeugung allgemein, die für sie an den Berliner Grenzpfählen aufhört, und erst wieder hinter der sowjetischen Demarkationslinie beginnt. Es ist also zu erwarten, daß auch die Wählerschaft der Berliner SPD nicht lediglich der alten sozialistischen Anhängerschaft und auch nur bedingt der in anderen Zonen gleichen wird – man hat zu erwarten, daß zu.ihr bestimmte Schichten stoßen werden, die sich aus der dynamischen Berliner Situation zusammengefunden haben, ohne vielleicht das SPD-Programm exakt zu repräsentieren. Die Vorgänge, die sich seit der Verschmelzung der Parteikörper der KPD und der alten SPD zur SED um das Recht der SPD auf Selbständigkeit abgespielt haben, sind in wachsendem Maße zum Kampf um die Demokratie selber geworden. Sie sind es geblieben, soviel persönliche Polemiken und Attacken auch die Strategie des Wahlkampfes auf den Plan stellt. Und die gegenseitigen Bekundungen der beiden sozialistischen Parteien, doch den Wahlkampf fair führen zu wollen, reichen natürlich nicht aus, um das Maß der tiefgreifenden Gegnerschaft, die sich eben zwischen diesen beiden Parteien auf dem Hintergründe der weltpolitischen Auseinandersetzungen entwickelt hat, zu verringern. in diesem tieferen Sinne wird die Berliner Wahl eine Wahl, die nicht nur für Berlin und nicht einmal nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt von beträchtlichem Interesse ist.

Das "Danish Foreign Office Journal" hat einen ausführlichen Bericht über die deutschen Ostflüchtlinge veröffentlicht, die bei Kriegsende in Dänemark Zuflucht fanden.

Aus den Gebieten der östlichen Kampffronten wurden während der letzten Monate des Krieges Millionen Deutsche evakuiert. Tausende Vertriebener trafen vom Februar bis Mai 1945 in Dänemark ein. Die dänische Regierung protestierte. Solange die deutsche Truppe im Lande war, konnte die Wehrmacht die ohne jede Habe ankommenden Flüchtlinge betreuen. Nach dem Waffenstillstand mußte sich notgedrungen die dänische Regierung mit ihnen befassen. Sie schuf dafür eine Organisation, die Ärzte zur Verfügung stellte und für Unterkunft und Lebensmittel sorgte. 210 000 Flüchtlinge wurden registriert, von denen 60 v. H. Frauen sind, 25 v. H. sind Kinder unter 15 Jahren und nur 15 v. H. Männer, meist Greise.