Von Karl N. Nicolaus

Auf dem Grabstein des Dichters Adalbert Stifter steht: "Nichts als nach Hause!" ist dies nicht eine knappe und endgültige Formulierung dessen, was die innersten Wünsche dieses friedlichen Menschen ausmachte? "Nichts als nach Hause!" War das nicht auch das Leitmotiv, das so viele Menschen bewegte, die – in Uniform oder nicht –, in den Strudel des Krieges geraten, im Grunde ihrer Seele nicht minder friedliche Menschen waren als jener Dichter?

Und nun steht man am Abgrund der Frage: "Gibt es überhaupt eine Heimkehr?" Nicht deshalb, weil die Heime von Bomben getroffen oder ausgeplündert, zertreten und verbrannt sind und ein Stück jener Öde ausmachen, die das Ergebnis dieses wie aller Kriege ist. Nein, an der Möglichkeit einer Heimkehr muß man zweifeln aus einem andern Grunde: wegen der Veränderung in uns selbst.

Die Wertmaßstäbe haben sich verändert. Das Grauen hat alle Begriffe ausgehöhlt. Solange man im Trott drin war, konnte man wenigstens noch eins: schimpfen. Aber der Heimgekehrte hat auch diesen Trost beiseite gelegt. Der kleine Segen des Fluchens entfiel seinen Händen und zerbrach. Wagt er es nicht mehr zu fluchen? Möchte er die zarte Gestalt des Friedens nicht verscheuchen mit dem rauhen Getöse der Worte, die ihm ein wilder, aber nicht unfreundlicher Brauch geworden waren? Oder ist es die äußerste Resignation, die denkbar ist: auch der Fluch hat keinen Sinn mehr!

Manchmal steht irgendwo einer und starrt in die Zeit. Man muß es so nennen, denn durch die Dinge, die er ansieht, blickt er hindurch. Sein Blick hat etwas Glasiges, Abgewendetes, Jenseitiges könnte man sagen, wenn man große Worte gebrauchen will. Auch ist ein Horchen an ihm, als fühle er die Schreie wandernder Vögel, die in der Höhe des herbstlichen Himmels reisen, über sich fallen gleich einem Netz, aus dem es kein Entrinnen gibt. Und als wären auch diese Schreie voll von dem Ruf: Nichts als nach Hause!

Und der Mann denkt: Mein Gott, wie soll ich es finden: den Weg, den Pfad, den Steig, den Trost, das Wort – wie soll ich es finden? Der Hauch des Todes ist an mir, er wohnt in meinen Kleidern, er wohnt in mir. Und wandern und waschen und alles hilft nichts. Die Unrast wohnt in mir gleich einem fremden Dämon. Und ich höre Worte, aber ich verstehe sie nicht; und anderes sehe ich und verstehe es auch nicht. Das Einfachste ist mit abhanden gekommen, als hätte jemand – vergessen, daß man das Brot brechen und essen kann.

Der Mann sinnt und sinnt – und dann geht er wieder ein Stück. Er hat den Krieg gehaßt gleich allen, vernünftigen Leuten; er hat die, die den Krieg machten, gehaßt wie ebenfalls alle vernünftigen Menschen. Und nun steht er da und merkt am Rande des Friedens mit Entsetzen, daß er angefüllt ist mit Krieg. Er hat es mit Flucht versucht, mit Nachdenken, mit dem freundlichen Ansprechen anderer. Aber es half nichts. Dem Mann sitzt die aufdämmernde Erkenntnis einer fürchterlichen Unentrinnbarkeit wie ein gräßlicher Vampir an der Gurgel.