Man dachte schon, daß sie für Immer das Welttheater verlassen hätten – die "Räuber" – und daß sie nur noch in der Literatur und in den Moritaten ein mehr verklärtes Dasein fristeten, in jenen Moritaten, in die sie sich zurückzogen, wenn die irdische Gerechtigkeit sie an einem Galgen aufgeknüpft hatte oder wenn sie auf das Rad geflochten worden waren. Und dann lebten sie auch in einigen Wachsfigurenkabinetten weiter und sonnten sich in einem verstaubten, plüschunterlegten Ruhm.

Aber die Räuber scheinen das Wachsfigurenkabinett heute wieder verlassen zu haben; sie mischten sich unter uns. Und die Mordchroniken der Städte und Provinzen melden von ihnen, allgemein unter dem schlichteren Begriff "Banditen". Aber auch der alte Titel "Räuber" ist jetzt wieder verliehen worden, wie ein großes Plakat beweist, das man in einer norddeutschen Großstadt dieser Tage an den Litfaßsäulen lesen konnte, worin behördlicherseits dreitausend Mark für die Ergreifung eines "Sittlichkeitsverbrechers und Räubers" ausgesetzt werden.

Der "Räuber" ist also auch offiziell wieder da. Man kann wirklich im wahrsten Sinne des Wortes wieder "unter die Räuber fallen", wovon die meisten heutigen Menschen ohnehin überzeugt waren.

Mit dem Wort "Räuber" verbinden wir eine gewisse Romantik. Der heutige Räuber, der auf dem Plakat gesucht wird, aber ist eine ganz und gar unromantische Erscheinung, – ein pockennarbiger Wegelagerer, der ausschließlich Frauen und Mädchen auflauert, sie mit einem Taschenmesser bedroht, vergewaltigt und beraubt Und wenn diesen Strolch sein Schicksal ereilt und er mit seinem Kopf unter dem Arm ins Jenseits befördert wird, dann werden ihn die alten Herren der historischen Räuberzunft sicherlich am Portal der Hölle in Empfang nehmen.

Da werden sie alle stehen, – die "großen" Rinher. von denen die Monaten berichteten! in klassische Räuber Rinaldo Rinaldini. der Lips Tullian, der im 18. Jahrhundert zu Dresden mit ungeheurem Prunk hingerichtet wurde, der große Räuber Babinski, der ein weiches Herz hatte und sich den Gendarmen aus Liebeskummer stellte, weiterhin der Hansjörgel Grad, von dem es heißt, daß er "in des Landmanns Nachtgebet harten an dem Teufel steht", der 1818 hingerichtet wurde und desto letzte Worte unter dem Galgen waren: "Jessas, soviel Leut!" Und auch die anderen großen Räuber werden da sein, die seinerzeitige Sensation Frankreichs, der "Cartouche", und wie sie alle heißen. Und sie werden den heutigen "Räuber" zur Rede stellen: "Was, du elende Schund- und Groschen-Ausgabe eines Menschen sollst ein Räuher sein?" Und sie werden ihn, weil er eine Schande ist für die Räuberzunft, nach alter Räubermanier kurz fertigmachen gleich am Portal tat Hölle.

Die alte Romantik ist tat, – die Romantik des Räuberliedes: "Es gibt kein schönres Leben alt du Räuberleben / in dem dustern, dustern, dustern Wald / da wird Schnaps getrunken und ein Lied gesunken / daß es von den Bergen widerhallt..." Heute ist das anders; die heutigen Herren Räuber singen – als wahre Galgenvögel – nicht; höchstens der Motor ihres Lastkraftwagens "singt", wenn man es so nennen will, mit dem sie die Beute von Überfallenen einsamen Gehöften direkt auf den "schwarzen Markt" schaffen. Es sind motorisierte und mechanisierte Banditen, Mörder und Schiebergehilfen, die mit Waffengewalt arbeiten. Und sie haben auch nicht eine blasse Spur an sich von jener "Freundschaft mit den Armen", wie es "große Räuber", beispielsweise der Schinderhannen, den Zuckmayer in seinem Drama berühmt machte, an sich hatten. Es sind gewissenlose Plünderer!

Der Titel "Räuber" ist zwar offiziell wieder verlieben worden. Wir kommen jedoch ohne ihn tut Bandit genügt vollkommen! Uns langt es! -us.