Von Kurt W. L. Gelsner

Die Delegierten im Palais de Luxembourg schwiegen, als Außenminister Tatarescu mildere Friedensbedingungen für Rumänien erbeten hatte. Sie waren nicht nur gebannt von der Eleganz seiner französischen Formulierungen. Sie brachten Verständnis auf für die Lage seines besiegten Landes Vier Punkte waren begründet worden und fanden guten Boden bei der Versammlung: Anerkennung der rumänischen Kriegführung an der Seite der Alliierten, Gewährung stärkerer Streitkräfte als Belohnung für geleistete Dienste, Abschwächung der Reparationsklauseln, Billigung von Reparationsforderungen an Deutschland. Wyschinski erhob sich und sprach wohlwollende Worte über die rumänische Demokratie. Jan Masaryk beschwor den Geist der Kleinen Entente Zwar fiel einem Teil der Delegierten auf, wie ähnlich die Punkte jenen Argumenten waren, die von der Sowjetunion auf der letzten Pariser Außenministerkonferenz im Hinblick auf Bukarest verfochten wurden. Allgemeiner aber war der Eindruck, daß mit Tatarescu Rumänien gesprochen hatte.

Hatte Rumänien gesprochen? Die Delegierten erlebten eine Überraschung. Sie mußten ihren Eindruck korrigieren. Eine andere Stimme erhob sich und vertrat die Rechte des Landes. Dr. Grigore Gafencu, Politiker und Journalist, 1938 bis 1940 Außenminister, 1940 bis 1940 Gesandter beim Kreml, im August 1941 durch Antonescu aus dem diplomatischen Korps aufgestoßen. überreichte der Friedenskonferenz ein Memorandum. Er hatte kein Mandat und keine Legitimation. aber seine Stimme war vernehmlich, und im Zusammenklang mit der Stimme Tatarescus wurden Dissonanten hörbar. Sein Flädoyer ging weiter als das Tatarescus. Es griff Themen auf. die der Führer der offiziellen Delegation unerwähnt gelassen hatten Kontrolle der Donau, Rückführung der Besatzungstruppen. Freigebe der Kriegsgefangenen. Undhinter diesen Themen wurde etwas spürbar, das die ganze Konferenz bisher hatte Vermissen lassen, etwas, das über die Aktualität hinaus vorstieß in Prinzipielle. "Ohne diese gemeinsame Ordnung ist ein Frieden nicht möglich", sagte Gafencu später zu einem Schweizer Journalisten.

Welche ist nun die wahre Stimme Rumäniens? Zeigen sich die Probleme In der Perspektive des Pariser Außenseiters anders alt in der Perspektive des Bukarester Außenamtes? Hatte Tatarescu Gründe, wesentliche Fragen des Friedens und des künftigen politischen Lebens unbesprochen zu lassen? Tatarescu ist das Aushängeschild Rumäniens gegenüber dem Westen. Er gehört einer Regierung an, die unter Aufsicht der russischen Besatzungsmacht entstand, mit Schwierigkeiten das demokratische Gesicht erhielt, das die Moskauer Beschlüsse von ihr forderten, und seither mancher Kritik aus London und Washington ausgesetzt war. Wohl ist nicht unbekannt, daß er 1936 Titulescu ausbootet, die vorsichtige Distanzierung von Frankreich vollzog und die Orientierung nach Osten aufnahm. Es ist nicht vergessen, daß er unter Carol II. Ministerpräsident einer autoritären Regierung war. Es wird auch mit leichter Beunruhigung verzeichnet, daß er mit einem Flügel der Liberalen Partei an der Regierungskoalition teilnimmt. Dennoch sehen England und die USA in ihm den alten Freund der Westmächte, und sein Sitz in der Koalition scheint trots allem gewisse Garantien für die Wirksamkeit westlicher Vorstellungen von Demokratie auch in Rumänien zu bieten.

Es versteht sich, daß die Bukarester Regierung für sich in Anspruch nimmt, demokratisch zu sein. Feststeht, daß die um die Jahreswende in Moskau geforderten Wahlen noch nicht stattgefunden haben. ("Spätestens im September" hieß es in einer Antwortnote auf eine Anfrage der Westmächte, und Radio Moskau berichtete von einer Welle demokratischer Verantwortung, die das politisch bislang so gleichgültige rumänische Volk vor den Wahlen erfaßt hat.) Feststeht auch, daß die rumänische Form der demokratischen Freiheiten im Westen mit einiger Skepsis betrachtet wird. Zwei der wichtigsten rumänischen Gruppen, die Masse der Liberalen Partei und die Nationale Bauernpartei, sind in der Regierung nicht vertreten. Ihre Bezeichnung schwankt zwischen "oppositionell" und "staatsfeindlich", und seit einiger Zeit sind sie mit dem Sammelbegriff "historische Parteien" bedacht worden. Kennzeichnet das ihren Stand im Bild der politischen Entwicklung oder bedeutet es ein Urteil? Liberale und Bauern stellten das bürgerliche Lager dar, zu dem die Westmächte enge wirtschaftliche Bindungen unterhielten. Reicht Tatarescus Hand noch bis in dieses "historisch" gewordene Lager? Ist vielleicht seine Basis in der Koalition so schmal geworden, daß auch seine alten Freundschaften künftige Wirtschaftsbeziehungen nicht mehr beeinflussen können – vor allem die Anteile am Öl?

Die Regierungskoalition ähnelt der Vaterländischen Front" Bulgariens. Unter dem Namen "Demokratisch-nationale Front" sind die Kommunisten, die Sozialisten, die Nationale Volkspartei, die Arbeiter- und Bauernpartei und der liberale Flügel Tatarescus zusammengeschlossen. Von diesem liberalen Flügel abgesehen, waren ihre Elemente schon zur Zeit des Antonescu-Kurses im linksradikalen Block der Opposition vereinigt, der im Gegensatz zum bürgerlichen Block als illegal galt. Ministerpräsident ist Dr. Petre Groza, der um die Lösung sozialer Fragen bemühte Kopf der Arbeiter- und Bauernpartei Daß er die Politik seines Landes seit dem März 1945 ohne Beanstandung durch die Besatzungsmachtleitet, spricht für das Vertrauen, das ihm der Kreml entgegenbringt. Eine Regierungserklärung, die sein Kabinett beim Amtsantritt abgab, forderte Freundschaft mit der Sowjetunion, versprach den nationalen Minderheiten ihre Rechte und stellte die Verteidigung der rumänischen Souveränität im Rahmen der konstitutionellen Monarchie in Aussicht. Die guten Beziehungen nach Osten scheinen gesichert, die Rechte der Minderheiten weniger. Die Siebenbürger Sachsen haben ihre Siedlungen verlassen müssen, die Ungarn führen in Paris Klage über die Behandlung ihrer Volksangehörigen Und was König Michael anlangt, so ist seine politische Aktivität auf das Verlesen einer Neujahrsbotschaft beschränkt gewesen, die das rumänische Volk aufrief, alten Streit zu vergessen und an der Zukunft zu bauen.

Das Volk – umschließt dieser Begriff auch die aller Politik golden Bauern, die 80 v. H. der Bevölkerung ausmachen, und in deren Leben die Politik plötzlich die Hauptrolle spielen soll? Erfaßt er die bürgerlichen Parteien, die bei Anwendung westlicher Verhältnisformeln wahrscheinlich zur parlamentarischen Mehrheit werden würden? Die Regierung Groza hat sich in der Bekanntgabe ihrer innenpolitischen Erfolge Zurückhaltung auferlegt. Sie darf es mit gutem Gewissen tun, weil die Kontrollmacht um so eifriger ihren Lorbeer grünen läßt. "28 218 Güter mit 1 700 000 Hektar unter Bauern verteilt, Staatsapparat völlig umgestaltet, Korruption beseitigt, Kulturniveau gehoben, Wiederaufbau der Volkswirtschaft trotz Sabotage der Wiederaufbau – das sind ein paar Zitate aus Moskauer Sendungen. "Die Kohlenförderung steigt, die Ölfelder produzieren fünf Millionen Tonnen im Jahr, die Textilindustrie arbeitet, Sanitätskolonnen in den Dörfern, Polikliniken in den Betrieben..." Die Wähler der seit langem fälligen Wahlen. – nach dem neuen Wahlgesetz auch Jugend, Frauen und Soldaten – hören es ebenso wie die ausländischen Beobachter, aber sie können sich aus größerer Nähe ein besseres Bild davon machen. Die Besatzungsmacht wünscht keine auswärtigen Korrespondenten. Zu einem amerikanischen Protest gegen die Ausweisung und Ablehnung von Journalisten wurde nicht Stellung: genommen. Dreimal sagte der Moskauer Kommentator in einer Sendung zu den rumänischen Wahlen: "Der Sieg wird deshalb errungen werden, weil..." Der Sieg über wen? Und wessen Sieg?