Ballhausplatz – dies Wort hat Klang in der diplomatischen Welt. Ballhausplatz bedeutet gute Schule und Tradition. Das neue Österreich scheint von diesen Kräften, die sich 1938 zu einem gut Teil vom Nazikurs ferngehalten hatten und somit heute verwendbar sind, viel zu erwarten. Überall tauchen sie wieder auf und entwickeln eine beachtliche Aktivität, um mit altbewährter Technik manches vergessen zu machen und Positives zu erreichen. Auf der Pariser Konferenz standen die Herren vom Ballhausplatz oft im Vordergrund. Der neue Außenminister Dr. Gruber, der allerdings nicht aus diesem Kreis, sondern aus der Widerstandsbewegung stammt, aber von den Herren des Ballhausplatzes beraten wird, hatte in Paris wichtige Besprechungen, so mit dem griechischen Ministerpräsidenten Tsaldaris, dem rumänischen Außenminister Tatarescu, dem bulgarischen Außenminister Kulischeff. Er gab auch Essen, wie es die Wiener gut verstehen, so zu Ehren von Masaryk.

Österreich wolle, so wurde immer wieder betont, die Verbindungen überallhin pflegen, denn es strebe keine besondere Orientierung an. Es sei vor allem auf die Knüpfung seiner wirtschaftlichen Fäden bedacht. Die Wirtschaftsverhandlungen mit der Tschechoslowakei, Polen und Großbritannien sind relativ weit gediehen und haben schon beachtliche Teilergebnisse gezeitigt. Mit Frankreich, Belgien und anderen Ländern werden sie demnächst aufgenommen werden. Von der Export-Importbank ist ein Kredit von 50 Millionen Dollar zu erwarten.

Aber die Herren vom Ballhausplatz haben auch manche Schlappe einstecken müssen. Als sie die Idee der Donaukonföderation wieder aus den Schubladen hervorholten und darauf hinwiesen, daß Österreichs Roheisenerzeugung sowie Böhmens und Ungarns Kohle aufeinander angewiesen seien, ja als vom Block der hundert Millionen gesprochen wurde, da wurde von Ungarn geantwortet, daß solche Ideen heute höchst gefährlich seien und die Staaten des Donauraumes in eine unangenehme Lage gegenüber der Sowjetunion oder der anderen Seite bringen könnten. Die während der Pariser Besprechungen lancierte Idee einer Zollunion mit Italien rief in der österreichischen Öffentlichkeit so viel Kritik hervor, daß sich die Regierung durch ein Dementi von diesem Schritt lossagen mußte. Das peinlichste Echo fand das Südtirol-Abkommen. Wie stolz ist dies als ein Erfolg gepriesen worden! Als aber Gruber dann in Innsbruck mit Vertretern Tirols hierüber des näheren sprechen wollte, wurde er höchst unfreundlich empfangen. Man beschimpfte ihn, und es entstand sogar eine kleine Schlägerei.

Warum es zu diesen Mißerfolgen kam, ist nicht einfach zu sagen. Vielleicht liegt das Fiasko in den herrschenden Verhältnissen begründet, denen selbst die echte, alte Schule vom Ballhausplatz nicht gewachsen wäre. W. G.