Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche" nennt sich ein vor kurzem im Minerva-Verlag, Berlin, erschienenes Büchlein von Margret Boveri. Margret Boveri hat mit Winston Churchill gemein, daß sie – wie er – eine amerikanische Mutter und amerikanische Großeltern hat. Außerdem hat sie jahrelang in den Vereinigten Staaten gelebt und gearbeitet, spricht Amerikanisch wie eine Amerikanerin und hat, schon weil sie von den eingeborenen Amerikanern als ihresgleichen angesehen und behandelt wurde, amerikanisches Wesen sehr gründlich und genau studieren können. Wohl selten – oder vielleicht noch nie – ist in deutscher Sprache auf so wenigen Seiten so viel Zutreffendes über die Amerikaner gesagt worden wie in dieser Fibel, die "ein Versuch ist, Unverstandenes zu erklären", wie der Untertitel kündet.

Mit erfrischender Offenheit und dabei mit großem Takt geht die Verfasserin ans Werk, den zahlreichen Deutschen – die sich, teils auf Grund früherer Bekanntschaften mit Amerikanern, teils vom Hörensagen von dem Volke der USA eine bestimmte Vorstellung gemacht hatten, und, die nun, während der letzten sechzehn Monate beim Näherkennenlernen der nach Deutschland gekommenen Amerikaner aus einem Erstaunen ins andere gefallen sind – die Gründe auseinanderzusetzen, auf denen dieses Verkennen beruhte. Mit Recht erwähnt Margret Boveri in der Einleitung ihres Büchleins, es enthalte keine umfassende Beschreibung des Amerikaners. Das ist gerade der Vorteil dieser kleinen "Fibel", daß sie nicht in den Fehler so vieler deutscher Amerika-Bücher verfällt und sich in ein mehrbändiges Werk über die Psychologie, Physiologie, Anatomie, Geschichte, soziale Einstellung, ökonomische, technische und politische Veranlagung et cetera des Amerikaners ausweitet, das meist – trotz aller Gelehrsamkeit – am Kern der Dinge vorbeigeht. Nein, dieses Büchlein ist fesselnde Lektüre – und es sollte von möglichst vielen Deutschen gelesen werden. Was bieten nicht allein die Kapitel: "Das Volk der Auswanderer im Lande der Freiheit, "Hollerith-Maschinen, oder der Weg zum Fragebogen" und "Moral versteht sich nicht von selbst"! Ein Jammer, daß die Fibel nicht schon vor zwölf Jahren erschienen ist; sie hätte, manch falsches Urteil, manch verfehlte Kalkulation und manch unfundierte Erwartung rechtzeitig zerstört, sowie manche Illusion "de-bunkiert", die bei den Männern, die Deutschland führten, so festverwurzelt saßen. Vorausgesetzt, daß diese Männer das Büchlein gelesen und beachtet hätten, womit allerdings wohl kaum hätte gerechnet werden können. All die törichten Ideen über "unser Amerika", über den Einfluß des Deutschtums in den Vereinigten Staaten, über den nichtzusammenhaltenden "völkischen Mischmasch", über die Dekadenz und Unmoral der Amerikaner, aber auch all die schiefen, einseitigen Vorstellungen von Güte, schrankenloser Hilfsbereitschaft und altruistischer Menschlichkeit wären rechtzeitig auf ein richtiges Maß zurückgeführt worden.

Mit Recht weist Margret Boveri auf die kalvinistisch-puritanische Grundeinstellung dieses – trotz aller Mischung mit Millionen von Katholiken, Orthodoxen und Juden – überwiegend protestantischen Volkes hin, das sich im Cromwellschen Sinne als "auserwählt" betrachtet und die ungeheuren materiellen Erfolge der letzten dreihundert Jahre begreiflicherweise als Beweis seiner Auserwähltheit und Gottgefälligkeit ansieht. Mit Recht betont die Verfasserin die Missionars-Eigenschaft, die mehr oder weniger in jedem Amerikaner steckt, gleichviel ob er Chinesen oder Südamerikaner, Afrikaner oder Europäer zur amerikanischen Auffassung bekehren möchte. Die Härte, die viele von uns heute überrascht, hat sich schon vor achtzig Jahren gegenüber den eigenen Volksgenossen der Südstaaten in den Jahren nach dem Sezessionskrieg, während der so euphemistisch "reconstruction period" genannten Epoche ausgewirkt; von der erbarmungslosen Ausrottung der indianischen Ureinwohner in den ersten 250 Jahren amerikanischer Geschichte gar nicht zu reden.

Das A und das O des Büchleins ist: Die Amerikaner stammen zwar zu 90 Prozent aus Europa und sie sehen auch meist so aus, als ob sie Europäer wären, aber sie sind keine Europäer. Sie – sind anders als wir. Sie reagieren anders, sie denken anders, sie wollen anders. Das ist kein Werturteil – in sehr vieler Beziehung können wir Europäer von den Amerikanern Wertvolles lernen. Aber daß die Amerikaner anders sind, als wir Europäer – die Deutschen, die Franzosen, die Engländer, die Italiener, – ist nun einmal eine unbestreitbare Tatsache, für die Margret Boveri eine Fülle sehr anschaulichen Materials bringt. Nur wer über diese Tatsache volle Klarheit gewonnen hat, wird den Amerikanern ohne törichte Überheblichkeit und Geringschätzung (wegen unserer "alten’Kultur"’"), aber auch ohne devote Anbetung ("der reiche Onkel aus Amerika, aus Gods own land") gegenübertreten. Erst dann werden die zahlreichen Mißverständnisse aufhören oder wenigstens nachlassen, die während der letzten sechzehn Monate so häufig das Verhältnis der Deutschen zu den Amerikanern belastet haben. –f