Von Hans Stock

Sehi geehrter Herr, ich habe Sie nun schon oft auf der Bühne gesehen und die Sparsamkeit Ihrer Gesten und die Klarheit Ihrer Worte bewundert. Wenn ich heute an Sie schreibe, so denke ich nicht an eine Ihrer Rollen, vielmehr denke ich an keine von ihnen oder an alle zusammen. Man hat viel über das Schauspiel und über den Schauspieler geschrieben. Aber in diesem Brief handelt es sich nicht um den Schauspieler X und auch nicht um den Schauspieler im allgemeinen. Hier handelt es sich um das Schauspielern, um das bleibende Phänomen oder wie immer der schwelende Ort dieser Untersuchung zu benennen ist; seine Darstellung ist zugleich seine Definition.

Natürlich interessiert mich nicht der Vorgang im Gemüt des Schauspielers. Es ist gleichgültig, ob der Schauspieler B zugleich auch ein Herr B ist, und es ist langweilig, sich damit zu befassen, daß der Liebhaber, wenn er gerade voller wortreichem Entzücken Amalia auf sich zukommen sieht, daß er just voller Ärger an den rauchenden Ofen in seiner Wohnung denkt.

Aber wenn der Schauspieler als doppelte Person an Interesse verliert, wenn er über alle Typik hinaus durchsichtig, als äußerste Entscheidung, als vorgeschobener Posten, gleichsam als "Geist" zitiert wird, dann – das werden Sie, verehrter Herr, verstellen –, dann taucht der Wunsch in uns auf, ihn als Stück unserer selbst und in der Verwurzelung mit dieser Welt zu begreifen.

Ich habe eine lange Einleitung machen müssen, weil ich nun etwas sagen möchte, das nur in primitiver Form sagbar ist und in seinen Komplikationen sich verhüllt

Das Wesentliche und Geheimnisvolle beim Schauspieler ist sein Vorbeihören als Partner. Nicht wahr, es ist doch so, daß der Schauspieler nicht den ganzen Abend, und vor allem nicht jeden Abend von neuem, zuhören kann. Sein gewöhnliches Hören setzt aus, und es bleibt ein Aufmerken übrig, das nur hinhorcht wie in einen leeren Raum. Es schiebt sich etwas dazwischen, und trotzdem wird noch gehört; jedes Wort ist so deutlich wie bisher – ich könnte mir sogar vorstellen, daß es zuzeiten deutlicher ist und hart wie ein Hammerschlag – aber es wird einzeln nicht mehr aufgenommen. Und der Schauspieler bemüht sich auch nicht; er hört, hört, und es ist eine ungeheure Anstrengung für ihn, etwas davon zu begreifen. Es steckt ein Pfropfen in seinem Ohr, der die Worte filtriert und nur den Ton durchläßt. Verstehen Sie mich nicht falsch, verehrter Herr, und vor allem ängstigen Sie sich nicht. Wir gewöhnlichen Menschen erleben das ja auch zuweilen. Der Schreck über das Auftauchen aus eigenem Nachdenken in einem Gespräch deutet die Richtung an, von der der Schauspieler nur die Konsequenz ist. Es ist ziemlich genau jenes Auslassen und hinterhältige Hören, wie wir es erleben, wenn wir betrunken, sind.

Besser als jeder andere weiß der Schauspieler um das Stück; er weiß, wie es sich entwickelt und wie es ausgeht. Der Ablauf ist jeden Abend derselbe. Trotzdem läßt sich der Schauspieler von seinem Gegenspieler düpieren, wartet, hinter Worten versteckt, und hört vorbei an Indizien, deren Wert er abschätzen kann. Die wirkliche Überraschung wäre der Tod des Schauspielers, denn das hieße zufällig und aus dem Detail heraus spielen. Der Schauspieler aber hat das Ganze. Und hier komme ich wieder zu diesem geheimnisvollen Horchen und Auslassen als Partner. Er wartet auf sein Stichwort und lauscht den längsten Erwiderungen hinterrücks, wie durch einen Nebel horcht er hin. Die Situation ist gespenstig, es überläuft mich, wenn ich mir vorstelle, was der Schauspieler erträgt. Denn er ist kein Partner; er ist ganz allein! Er ist im Material Mensch die äußerste Grenze der Isolation.