Von Martin Beheim-Schwarzbach

Ferne sei es von uns, der Notlage des neuen Buches, in die es durch die Betriebsamkeit der Autoren und Editoren geraten ist, abschätzige Betrachtungen über den Vorrang des alten hinzuzufügen. Wir lieben das neue Buch, aus dem uns Geist, Atem und Geschmack der Gegenwart ansprechen, wir lieben es über alles, und so sehen wir seinem Auftauchen beim Händler mit zärtlicher Neugier, die niemals nachläßt, entgegen.

Aber mit noch andern Regungen und Erwägungen lieben wir das Buch, das alt ist. Und es ist nicht Gelehrsamkeit allein, die den Freund der alten Bücher bewegt, aber sein Sinn für Gelehrsamkeit muß stark ausgeprägt sein. Er studiert sie nicht immer, wie ein Mann seinen gedruckten Besitz studieren sollte, ehe er ihm wirklich gehört, aber darum darf man ihn nicht einen Simulanten und Scharlatan schelten, denn er – schmeckt auch den gelehrtesten Inhalt gar wohl, und vor allem spürt er mit all seinen wachen Buchsinnen die Geschichte, die ehrwürdige Vergangenheit des alten Buches heraus. Indem er das alte Buch liebt, ehrt er die Vergangenheit vor allem, doch nicht in ihr eine bestimmte Zeit, sondern das Alter überhaupt, die Herkunft, die Dauer, die Bewahrung; er ehrt die Zeitlosigkeit und den Fortbestand der Ideen, indem er sie in einem Buch fixiert findet, das durch viele Geschlechter von Hand zu Hand gegangen ist und die Spuren zahlloser Bündnisse mit dem Lebendigen aufweist.

Mit Recht! Denn das alte Buch ist ein Stück Magie. Es trägt in einer Handvoll Papier durch die Jahrhunderte, was war, ist und sein wird. Blättert der Unkundige im alten Buch, so hält er sich die Nase zu, denn es riecht nach Staub und Moder; er betrachtet die Stockflecken und Wurmlöcher als Minderungen des Wertes, er ärgert sich über Eselsohren und zerfranste Kanten, er schüttelt über verblichenen Aufdruck den Kopf und schneidet wohl gar die Namenszüge und Inschriften früherer Besitzer heraus oder überklebt sie mit seinem kunstgewerblichen Exlibris. Das alles tut der kundige Bücherfreund nicht.

In seinen Augen gewinnen alle die Merkmale des Alters und der Gebrauchtheit, die am neuen Buch so verpönt sind, erst ihren Wert. Wer das alte Buch liebt, liebt auch die Stockflecken darin mit souveräner Neigung. Andere Erscheinungen, die man gleichfalls für Entwertungen zu halten pflegt, sind geradezu schätzenswert. Hierzu gehören die Inschriften früherer Besitzer: Namenszüge, Widmungen, Gedenksprüche, Daten, Vermerke. Wer sie ausradiert, wegschneidet oder überklebt, ist nicht würdig, in die stumme Gemeinschaft derer einzutreten, die in langer Geschlechterreihe an dem Buch teilgenommen und dadurch eine kaum erklärliche Art von Mitarbeit geleistet haben. Der Umgang mit Menschen fügt seinem gegenständlichen Wert eine neue Qualität hinzu, denn mit ihm erst gewinnt es Leben. Die handschriftlichen Spuren, die in einem alten Buch stehen, sind wie ein Händedruck, den der frühere Besitzer mit dem gegenwärtigen tauscht, und die Anstriche und Vermerke, die er im Text gemacht hat, sind für den neuen Leser ein Gespräch mit jenem von bedächtigem Ernst.

An Leichtheit und Handlichkeit lassen es die alten Bücher zumeist fehlen. Man las damals nicht um der Unterhaltung und Zerstreuung, sondern’im Gegenteil um der Sammlung willen. Man steckte ein Buch nicht in die Rocktasche oder hielt es vorm Einschlafen hochkant auf der Brust. Lesen war eine ernste und gewichtige Sache, fest und schwer lag das Buch dazu auf dem Tisch, und geduldig und angestrengt saß der Leser davor.

Angenommen aber nun, wir haben, kniend und auf Leitern kletternd, im Kellerlager eines Altbuchhändlers viele selige Stunden des Kramens, Blätterns, Prüfens und Suchens verbracht, beglückt und erschöpft, auch wohl neuer Begierden schon wieder voll, halten wir inne und wenden uns von ungefähr einer noch unbetretenen Landschaft des Lagers zu: da stoßen wir auf eine neue Sorte von Büchern. Es sind dies keine Inkunabeln und Barockausgaben, keine schweren und prächtigen Wälzer mehr, sondern ein sehr schlichter und etwas monoton anmutender Bücherschlag aus der Zeit unserer großen Klassiker. Auch dies war eine Zeit, in der die akkurate Arbeit am Wort in guten Ehren stand und die sich seiner mit viel Geschmack und zierlicher Kunstfertigkeit annahm, und also müssen auch die Bücher aus dieser Zeit etwas taugen. Wir sind froh, mit der originalen Orthographie Goethes aus letzthändiger Ausgabe näher "bey" ihm zu sein als mit der modernen; wir spüren den Geist der alten Autoren intimer und deutlicher, wenn die Schreibart, die Interpunktion, das Satzbild, das ihr Denken, ihre Niederschrift und ihre Korrekturarbeit begleitete, auch für uns bei ihrer Lektüre besteht. Auch die etwas später veranstalteten Gesamtausgaben der Klassiker und Romantiker mit ihrer Vielzahl von Bänden, ihrer souveränen Platzverschwendung, ihren kleinen, klar und übersichtlich bedruckten Seiten, ihren ernsten, meist schwarzen Lederrücken und schmucklosen Pappdeckeln, die von der zierlichen zu einer vierschrötigeren Kunstfertigkeit übergingen, sind noch ein guter und biederer Bücherschlag, mit dem dann freilich der Begriff des alten Buches auch endgültig abschließt. An den Börtern der Ausgaben, die den Stempel der Zeit zwischen 1870 und der Jahrhundertwende tragen mit ihrer hohlen und spießigen Scheineleganz, gehen wir verächtlich vorüber.