Die Vorbereitung der Wahl litt unter erstreckendem Dilettantismus. Das Wahlsystem selbst offenbarte seine ganzen Mängel. Bedenklich war es schon, weite ländliche Gebiete mit dem kurzen Abstand von einem Monat zweimal wählen zu lassen. Die Steigerung des Wahlkampfes, die allein die Parteien zu scharfen Formulierungen und den Wähler zu einer aktiven Stellungnahme zwingt, läßt sich erfahrungsgemäß einige Wochen nach der Entspannung nicht wiederholen. Diese Tatsache wirkt sich in der stark unterschiedlichen Wahlbeteiligung aus; sie betrug in den kreisfreien Städten, wo zum ersten Male gewählt wurde, 75 bis 80 v. H., auf dem lande nur 60 bis 65 v. H.

Das Wahlsystem, Ergebnis eines Kompromisses, war so kompliziert, daß mancher aus diesem Grunde nicht gewählt hat. Der Grundsatz lautete: Der Wähler soll nicht mehr (wie vor 1933) einer Partei und deren Liste mit ihm meist unbekannten Namen, sondern einzelnen Persönlichkeiten seine Stimme geben. Was jedoch zutage kam, war ein dem Wähler im Wahllokal präsentierter Wahlzettel, auf dem er, je nach der Größe des Bezirks, 15 bis 30 Namen in alphabetischer Reihenfolge vorfand, ihm fast unbekannt, jedenfalls in den Städten. Warum? Nicht, weil das absolute Wahlsystem es verlangt, sondern weil – niemand weiß warum – die Wahlbezirke so groß gemacht wurden, daß in jedem Bezirk nicht nur einer, sondern gleich mehrere Kandidaten zu wählen waren, jede Partei also auch eine entsprechende Zahl von Kandidaten aufstellen mußte. Obwohl die Kandidaten einer Partei im Wahlkampf natürlich als Gruppe auftraten und keineswegs gegeneinander konkurrierten (wie es die Persönlichkeitswahl eigentlich voraussetzt), durften sie, um die Verwirrung noch zu vergrößern, auf dem Wahlzettel nicht als Gruppe auftreten. Da nun aber die Wähler, vor allem in den Städten, die Kandidaten einfach nicht kennen konnten, hat man schließlich die Angabe der Parteizugehörigkeit auf dem Wahlzettel zugelassen!

Dieses Mal war der Kompromiß, sonst im politischen Leben der goldene Schlüssel, einfach falsch. Viele Wähler standen vor einem Stimmzettel, mit dem sie nichts anzufangen wußten. Die Zahl der ungültigen Stimmen ist mit 3 v. H. an sich schon recht hoch. Manche haben außerdem einen Teil ihrer Stimmen verloren, weil sie glaubten – sie hatten von der Persönlichkeitswahl wohl gehört –, nur einen Kandidaten wählen zu dürfen. Warum ganze Gruppen anderer Wähler, zum Beispiel in Hamburg, nur zwei Kandidaten angekreuzt haben, obwohl sie vier wählen konnten, wird sich nie aufklären lassen. Auffällig ist die Bevorzugung der im Alphabet, also auch auf dem Wahlzettel obenan stehenden Kandidaten: die "ABC-Schützen" sind offensichtlich von manchem Wähler aus Verlegenheit begünstigt worden. Rundfunk und Presse haben in der Wahlvorbereitung nicht genügend geleistet; die letztere vor allem durch den Mangel an Verbreitung. Die spärlichen amtlichen Benachrichtigungen waren in einem Papierdeutsch bester bürokratischer Schule abgefaßt. Ein millionenfach verbreitetes Flugblatt, das über die Wahl aufklären sollte, zeichnete, sich nicht durch Verständlichkeit aus.

Bedenklich erscheinen die durchaus unbegründeten Hoffnungen, die man den freien, nicht parteigebundenen Kandidaten machte, deren Aufstellung – im Interesse der Persönlichkeitswahl – auch für die jetzigen Wahlen wohlwollend gefördert wurde. Dabei stand vorher fest, mindestens in den großen Städten, daß keiner von ihnen eine Chance hatte. Führt man schon ein für Deutsche völlig neues Wahlsystem ein, so hätte man mit allem Nachdruck darauf hinweisen müssen, daß nur die den größeren Parteien gegebenen Stimmen wirklich gewertet würden, jede Stimme, die einer Splitterpartei oder einem freien Kandidaten gegeben würde, dagegen wahrscheinlich verlorenginge.

Wenn das Wahlergebnis trotz all dieser Mängel eine einigermaßen klare Linie zeigt, so dürfte das für den wiedergewonnenen politischen Verstand der Deutschen sprechen. Freilich gilt die klare Linie nur für die Zahl der Stimmen, nicht der Mandate. Überstimmte Minderheiten treten nicht in Erscheinung: eine typische, in ihrem jetzt eingetretenen Umfange allerdings doch wohl nicht vermutete Folge des absoluten Wahlsystems. Hat sich das absolute Wahlsystem trotzdem bewährt? Oder muß es abgeändert werden, wie schon heute von verschiedenen Seiten gefordert wird?

Der anerkannte Vorzug. des absoluten Wahlsystems. ist, daß es eine stabile Mehrheit in der gesetzgebenden Körperschaft gewährleistet. Da nur – die größte Partei wirklich Mandate erhält, müssen die anderen unterliegen. Die von der gesetzgebenden Körperschaft ernannte Regierung braucht während der ganzen Legislaturperiode mit Kabinettkrisen, hervorgerufen durch Sinneswandel von Minderheiten, nicht zu rechnen. Das höchst Erstrebenswerte dieses Zustandes ist nicht zu bestreiten. Schon in normalen Zeiten neigt der Deutsche zu einer fast krankhaften Eigenbrötelei, die immer eine für seine Meinung genauestens zugeschnittene Partei haben möchte. In Notzeiten steigert sich diese Krankheit zu dem Paroxysmus, an dem wir 1933 zugrunde gegangen sind, nicht ohne vorher noch längere Zeit das schmerzliche Experiment der Notverordnungen erduldet zu haben. Dabei verdunkelt das System der vielen Parteien, weil es die Schattierung, die geringen Abweichungen vom Nachbarn überbetont, das Grundsätzliche. Im Wahlkampf wird nämlich nicht der große, aber fernstehende Gegner zum Feind, sondern der politisch nahestehende Nachbar, auf dessen Kosten am ehesten Stimmen zu gewinnen sind. Nichts ist für unser politisch unerfahrenes Volk so gefährlich, als daß es den Blick für das Grundsätzliche verliert, sich in Einzelheiten verzettelt, das Unbefriedigende dieses Zustandes dann durchaus empfindet und verzweifelnd die Beute von Verführern wird, die mit radikalen Programmen nicht sparen.

Man kann die Gefahr einer Zersplitterung des deutschen politischen Lebens in eine Vielzahl kleiner Parteien nicht ernsthaft genug beschwören. Die Radikalisierung nach links und rechts hätte in den Jahren vor 1933 nicht eintreten können, wenn es schon damals das absolute Wahlsystem gegeben hätte. Das absolute Wahlsystem zwingt die großen Parteien immer wieder, ihre politischen Grundsätze zu überprüfen, sie bis ins letzte durchzuarbeiten. Darauf kommt es an. Nicht die Politik kleiner wirtschaftlicher oder auch ideeller Interessen, sondern die Herausarbeitung der grundsätzlichen Linien ist Voraussetzung wirklicher politischer Arbeit.