Von Karl N. Nicolaus

Es gibt große Forscher, die haben herausgefunden, daß es "raum-verklärende" und "zeit-verklärende" Völker gibt. Das heißt, daß die großen Verheißungen, mit denen die Völker sich über das Elend des Daseins hinwegtäuschen, ein Raum oder eine Zeit sind. Die elysäischen Gefilde der Griechen beispielsweise, wo die Glückseligen wandeln, seien ein Ort – also etwas Räumliches. Die messianische Verheißung dagegen sei eine Zeit. "Und als nun die Zeit erfüllet war..."

Sicherlich ist es beim einzelnen auch so, daß er mehr dem Raum oder der Zeit zuneigt. Es hat Generationen gegeben, die glaubten, daß das "goldene Zeitalter" nahe sei. Es können nur Narren sein, die meinen, daß solches uns in unseren Zeitläuften zu geschehen vermöchte

Die Heutigen suchen kein "goldenes Zeitalter" mehr. Sie sind bescheidener geworden. Was mich betrifft, so muß ich sagen, daß das, was ich suche, keine Zeit ist. Ich suche weder Jugend noch Alter, ich suche weder das Morgenrot noch den Aufgang des Abendsterns, den man die Venus nennt – nein, ich suche das Zeitloseste, das es gibt: ich suche einen Feldweg.

Nicht, daß ich nicht wüßte, wo Feldwege sind! Ich muß es anders sagen: Ich hatte einmal eine Ahnung vom Paradies – man verzeihe mir das pathetische Wort, aber ich war noch jünger und es sagt genau das, was ich fühlte –, also ich hatte einmal eine Ahnung vom Paradies, keine gehetzte Vision mit prunkvollen Farben, sondern eine ausgeruhte, friedliche, freundliche Ahnung, und das hing mit einem Feldweg zusammen.

Und diesen Feldweg suche ich! Ich werde ihn suchen bis zu meinem letzten Atemzug. Ich werde vielleicht einst als Stein wiederkommen, der auf jenem Feldweg liegt, oder als Wiesel, das in den Weiden wohnt, die den Rand jenes Feldweges säumen. Oder, wenn Gott es gut mit mir meint und ich mich sehr bemühe, nicht böse zu werden, wie es die Erfahrung mich lehrt, dann werde ich vielleicht selbst eine Weide werden – etwas abseits –, aber doch nahe dem Feldweg. Ganz nahe bei ihm sind alle Plätze besetzt. Dort stehen die uralten Weiden, in denen die Dunkelheit flüstert.

Jenen Feldweg suche ich. Er ist staubig und das, was die Leute armselig nennen. Bei Regen wird er absolut unergründlich. Er ist so, daß er die Menschen nicht einlädt, auf ihm entlangzugehen. Nie tat er dies, und so kam er zu seiner ersten Tugend: daß er nach dorthin führt, wo fast keine Menschen sind. Und in der Nacht schweben die Eulen über ihn hin, und die Sterne wohnen in den Ästen der Weiden, und unter einer halbzerfallenen Brücke rinnt mühsam ein spärliches Wasser.