Angst – das ist ein Begriff, der uns Überlebenden dieses Krieges geläufig und vertraut geworden ist. Und es scheint. nicht, als ob die Menschheit von diesem belastenden Seelenzustand frei werden, könnte, der, auch wenn er in die Bewußtheit des einzelnen gedrungen ist, von ihm nicht überwunden werden kann, solange die Ursachen für diesen Zustand gegeben sind.

In dem hervorragenden englischen Film "Der letzte Schleier" wird in einem fesselnden Kapitel Psychoanalyse entwickelt, wie die Angst im Unterbewußtsein eines Menschen zu schweren Störungen seines Gleichgewichts führen kann, aus der in letzter Instanz der Arzt, der in der Narkose als einziger hinter den letzten Schleier der Seele des Menschen – dringt, die Erlösung bringt. Sehr behutsam und in raffinierter Durchdringung des diffizilen Stoffes gelingt es der Regie von Compton Bennett, den "Fall" einer berühmt werdenden Pianistin aufzuzeigen, die aus der Gefährdung ihrer Hände, ihres kostbarsten Besitzes, einen seelischen Zusammenbruch erleidet, aus dem ein Psychiater – etwas breit und allzu feierlich ausgespielt – sie befreit. Verdrängte Kindheitserlebnisse und schwere Hemmungen und Zwangsvorstellungen, entstanden durch das Zusammenleben mit einem Sonderling, der, Mäzen und Liebender, in seiner Verhaltenheit eine seelische Vergewaltigung verursacht, schaffen die Störung. In bewundernswerter Folgerichtigkeit, die in der Beschränkung auf den Fall der zweimal in schweren Hieben geschlagenen Hände das Außerachtlassen weiterer auf Freudschen Theorien basierender psychologischer Tiefenschürfungen selbstverständlich macht, ist klar herausgearbeitet, daß die Heilung aus der Überwindung der Angst und daraus gewonnenen persönlichen Freiheit kommt, weil der Arzt die Erkenntnis vermitteln kann, daß Liebe Ursache der Leiden war. Ob es allerdings notwendigerweise oder nur als dramatisch-filmische Pointe zu diesen Schlägen kommen mußte, ist eine offene Frage.

Diese dramatisierte Psychologie wird durch die großartige schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin Ann Todd, ihres hintergründigen Gegenspielers James Mason und durch die klare Typisierung des ersten reizenden Liebhabers, aber nicht ebenbürtigen Menschen (der natürliche Hugh McDermott) und des zweiten. Liebenden, der nicht Befreier werden kann (der liebenswürdige Albert Lieven), zu einem großen Erfolg auch bei uns, die wir lange auf solche Themen verzichten mußten. Sie wird es auch dadurch, daß dieser Musikfilm, wie selten ein anderer, durch die von starker Musikalität getragene Echtheit des Milieus bestrickt, sowohl im Konzertsaal wie im Konservatorium, nicht zu vergessen in einer schauspielerisch glänzenden Szene, wie das junge musikalisch begabte Kind, das plötzlich bockt und nicht spielen will, durch die verführerische Pädagogik eines Erwachsenen an die Tasten buchstäblich herangespielt wird. Es ist ein beachtenswerter Film auch in den besonders zarten und psychologisch fein geführten Liebesszenen und durch die ästhetische Schönheit einzelner Bilder, die einen Meister an der Kamera hatten.

Der Film, der schon in Berlin wochenlang ausverkaufte Häuser fand, ist der beste, den wir seit langem in Hamburg (Waterloo-Theater) sahen.

Erika Müller