Ein Paganini des Taktstockes – so stellte sich Sergiu Celibidache an der Spitze der Berliner Philharmoniker in Hamburg vor. Der erst 32jährige Rumäne, der sein Musikstudium Deutschland absolviert hatte, übernahm mutig und entschlossen das ebenso verantwortungsvolle wie schwierige Amt, dieses berühmteste deutsche Orchester durch die Gefahrenklippen des allgemeinen Niederbruchs zu lenken und, soweit nötig, neuzugestalten. Diese Aufgabe hat der hochbegabte junge Dirigent mit erstaunlicher Sicherheit bewältigt. Es ist zwar wahrscheinlich, daß in normalen Zeiten eine reifere, erfahrenere Musikerpersönlichkeit auf einen so hohen Posten berufen worden wäre, den zuvor ein Furtwängler, Nikisch, Bülow innehatte. Aber die Zeiten sind nicht normal, und Celibidache hat zu verstehen gegeben, daß er zunächst nur Statthalter sein möchte. Nichtsdestoweniger haben die Berliner Philharmoniker, die Kunststadt Berlin und das neu erblühende deutsche Musikleben dieser temperamentvollen und genialischen Begabung schon heute vieles zu danken.

Sergiu Celibidache verbindet die Glut seiner Heimat mit den vielseitigen, im Schlagtechnischen sehr differenzierten und ausdrucksvollen Traditionen deutscher Kapellmeister. Er ist ein Künstler der beschwörenden Geste, ein Dirigent, dessen hellwache Sensibilität die Extreme sucht: das hauchzarte, wie von Windharfen gesummte Pianissimo der Geigen und den gleißend strahlenden, ja sogar brutalen Klangrausch der Blechbläser. Obwohl also ein durchaus dem sinnlichen Wesen der Musik zugewandter, unproblematischer Künstler, wirkt er dennoch als ein Besessener. Es ist dieselbe Dämonie der Virtuosität, die einen Paganini erfüllte, jene Dämonie, die bei den Männern neidvolle Bewunderung und bei den Frauen Anbetung hervorruft. Diese in der heutigen illusionslosen Zeit seltene Kunst bleibt im Bereich ästhetischer und irdischer Wirkung und hält sich fern von dem Versuch, in Transzendentales vorzustoßen, wie dies dem Grillparzer-Wort über Beethoven, daß Musik höhere Offenbarung sei als alle Philosophie, entspricht. Dennoch kommen Augenblicke zustande von geheimer, unerklärlicher, großer Musikwirkung.

Natürlich klingt das berühmte Orchester anders unter Celibidache als unter Furtwängler, dessen Namen man unwillkürlich beim Anhören der Berliner Philharmoniker wieder und wieder heraufbeschwört. Diese Gemeinschaft großer Instrumentalisten ist heute eine Loge der Virtuosen. Sie musizieren mit einer Bravour ohnegleichen, mit spiegelnder Glätte, mit nervenfeinster Empfindlichkeit für dynamische Effekte. Dieses unvergleichliche Können, diese einmalige Orchesterkunst, an der wirklich seit Hans von Bülows Tagen unablässig gefeilt und gearbeitet und die also wie ein seltener Schatz gehütet und gepflegt wurde, in die neue Epoche deutschen Kulturlebens hinübergerettet zu haben, das ist das größte Verdienst Celibidaches, des jungen Dirigenten auf weithin bemerkten Posten, dem eine große Zukunft vorauszusagen jeder Kritiker sich gern beeilen wird. Josef Marein