Von Sigurd Paulsen

Der Alting, das Parlament Islands, stand kürzlich vor einer schwierigen außenpolitischen Entscheidung. Soweit der kleine nordische Freistaat von 120 000 Seelen überhaupt eine eigene Tradition in der internationalen Politik entwickelt hatte, mußte sie durchbrochen werden. Die Vereinigten Staaten verlangten nämlich Mitte September durch ihren Gesandten in Reykjavik eine Abänderung jenes Schutzvertrages vom Juli 1941, der ihnen damals, ehe sie noch in den Krieg eingetreten waren, eine Rechtsgrundlage für die militärische Besetzung Islands gab. Die Amerikaner wollen die Insel jetzt räumen (innerhalb von sechs Monaten), aber sie machen die Bedingung, daß der von ihnen angelegte Luftstützpunkt Keflavik, der in einen internationalen Zivilflugplatz umgewandelt werden soll, auch künftig von ihrer Luftwaffe benutzt werden darf, damit diese die Verbindung mit der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland aufrechterhalten kann. In Island erhob sich eine lebhafte Debatte über die Notwendigkeit dieses Opfers. Nicht nur die Kommunisten protestierten, auch die Selbständigkeitsparteiler sahen sich um die Hoffnung betrogen, ihr Land wieder ganz aus der Verflechtung in die Großmachtpolitik zu lösen. Als aber auch die britische Regierung die Amerikaner durch eine Note unterstützte, sah die Mehrheit der Isländer keine Wahl. Mit 32 gegen 19 Stimmen bei einer Enthaltung ratifizierte der Alting den neuen Vertrag. Das bedeutet, daß nunmehr nicht nur für die amerikanischen Truppen in Deutschland, sondern auch für die Flottenstreitkräfte im Nordatlantik, von denen Marineminister Forrestal kürzlich versicherte, sie würden, ebenso wie das Mittelmeergeschwader, dableiben, um amerikanische Interessen zu wahren, Keflavik auf Island eine wichtige Verbindung zur Heimat darstellt. Wie weit darüber hinaus das Netzwerk sich spannt, in das Island auch für die Nachkriegszeit hineinverwoben ist, erwies alsbald jener Nonstopflug einer amerikanischen Superfestung von Honolulu über Alaska, Labrador, das Nordpolargebiet, Island, London, Paris und Süditalien nach Kairo. Der pazifische, der nordatlantische und der mediterrane Einflußbereich der USA wurden erstmals durch einen pausenlosen Flug miteinander verbunden.

Die letzten Konsequenzen der angloamerikanischen Stützpunktpolitik vermag die Weltöffentlichkeit sich ebensowenig auszumalen wie das kleine, aber ausgezeichnet unterrichtete isländische Volk. Gegenwärtig tasten sich die Generalstabschefs selber Schritt für Schritt an diese Probleme heran bei den Verhandlungen, die Feldmarschall Montgomery mit General Eisenhower seit Mitte Oktober in England führt. Diese hochwichtigen Stabsbesprechungen im kleinen Kreis bilden die Fortsetzung von Verhandlungen über die gemeinsame Benutzung von See- und Luftstützpunkten im Atlantik und im Mittelmeer, die im Frühjahr 1946 begonnen haben. Sie beziehen sich auf jene Plätze, die im Jahre 1941 Gegenstand des berühmten britisch-amerikanischen Tauschgeschäfts: Zerstörer gegen Stützpunkte waren. Damals gaben die Vereinigten Staaten Zerstörer für die Bekämpfung deutscher U-Boote im Atlantik gegen das Recht,-sich militärisch in Gibraltar, Malta und Haifa festzusetzen. Aber darüber hinaus – so meint der in Edinburg erscheinende "Scotsman" – wird jetzt von einer gemeinsamen Benutzung von Stützpunkten in Französisch-Marokko und -Nordafrika die Rede sein. Die Zustimmung der französischen Regierung müßte, wie soeben die der isländischen, durch diplomatisches Zusammenspiel Londons und Washingtons erzielt werden.

Wo von Mittelmeerstützpunkten gesprochen wird, muß die Dardanellenfrage miterwogen werden. Eisenhower und Montgomery wissen natürlich, daß die Russen der Türkei in ihrer Note vom 24. September die gemeinsame Verteidigung der Ausgänge des Schwarzen Meeres vorgeschlagen haben. Sie sehen, daß sich von Osten her ein fremdes Stützpunktsystem an das ihrige heranschiebt. Sie haben auch Kenntnis von der Weigerung der Türkei, sich ihre Souveränitätsrechte schmälern zu lassen. Ankaras politischer Gegenzug aber holt weiter aus: Zwischen türkischen und arabischen Politikern wird seit Mai dieses Jahres über ein großzügiges Einigungsprojekt verhandelt; demzufolge ein türkisch-arabischer Staatenblock, angelehnt an die Angloamerikaner, die zuvor Ägyptens Wunsch auf Räumung von britischen Truppen erfüllt und den Streit um Palästina geschlichtet haben sollen, die Meerengen sowie gewisse arabische Küstenstützpunkte kontrolliert. Das große politische Clearing in Palästina, das Haifas Hinterland pazifizieren könnte, und eine Befriedung der radikalen ägyptischen Nationalisten, des Wafd war? freilich die Voraussetzung dafür, daß die geplante weitreichende Allianzbildung im östlichen Mittelmeer nicht durch revolutionär-nationalistische Untergrundsbewejungen unterlaufen werden kann. Während Eisenhower und Montgomery in London Einzelheiten über Angleichung des Kriegsmaterials und einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch der Stäbe bearbeiten, laufen aus Ankara, wo die türkische Regierung in ständigen Verhandlungen mit den Botschaftern der drei "Großen" steht, sowie aus Kairo und Palästina täglich neue Meldungen ein über Vorstöße, Intrigen und Schlichtungsversuche. Globalstrategie und Nationalitätenpolitik – sind nicht mehr voneinander zu trennen.

Sie sind untrennbar, und gleichzeitig streiten sie in einer gemeinsamen Front gegen jeden Radikalismus nationaler und weltrevolutionärer Prägung. Darin liegt, ihre Bedeutung für die allgemeine Politik. Das Stützpunktnetz dient nicht nur der Weltsicherheit, es ist auch einer der wichtigsten Faktoren zur Entfanatisierung der Völker. Wie ein Zahnradwerk greifen Generalstabsverhandlungen und diplomatische Vereinbarungen ineinander, und die großen sozialen und religiösen. Massenbewegungen versuchen, halb freiwillig und halb gezwungen, sich ihnen anzupassen. Wenn der Historiker einmal die Bilanz der politischen Arbeit des Nachkriegsjahres 1946 zieht, wird er als Hauptleistung wahrscheinlich nicht die großen Friedenskonferenzen in Paris und in New York, auch nicht die Fortentwicklung der Atombombe, sondern jenes unbeirrbare Nebeneinander, der strategischen und diplomatischen Pionierarbeit für den Ausbau eines Stützpunktsystems und für die Stabilisierung der politischen Verhältnisse im weiteren Glacis der neuentstehenden atlantischen, mediterranen und pazifischen Festungen anerkennen. Sachverständige des Ausgleichs zwischen den Rassen und Religionen arbeiten gleichsam am runden Tisch mit Generalstabschefs und Technikern. Ihre Tätigkeit ist nicht immer von demokratischen Grundsätzen geleitet, oft spielt Geheimdiplomatie die Hauptrolle, aber das Ergebnis braucht doch keineswegs zu sein, daß im Festungsglacis von Haifa oder von Singapur die Entwicklung der Nationalitäten gehemmt, die Freiheitsrechte farbiger Rassen beschnitten werden – im Gegenteil: "Glacis-Liberalismus", so möchte man die eigenartige Ideologie benennen, die diese Verhandlungen beherrschen. Er ist eines der interessantesten Phänomene der Gegenwartspolitik.

Besonders deutlich veranschaulichen dies die Vorgänge im Glacis von Singapur. Montgomery will die innerhalb eines Zehnjahresplans neu erstehende Zitadelle der britischen Fernostherrschaft gleich nach Beendigung der Besprechungen mit Eisenhower besuchen. Bis 1. November dieses Jahres soll bereits ein Nationalitätenclearing abgeschlossen sein, das das seit dem 6. August in Kuala Lumpur tagende "Anglo-malaiische Komitee" vorbereitet. Es sieht eine Föderation aller malaiischen Staaten mit den ehemaligen britischen Kronkolonien der Straits Settlements vor, unter Ausschluß von Stadt und Festung Singapur, die einen besonderen politischen Status erhalten. Für Malaien und Chinesen, Inder und andere Minderheiten werden Autonomierechte festgelegt. Das dornigste Problem der malaiischen Politik, die Frage, wer volle staatsbürgerliche Rechte erhalten darf in der bunten Menge der Zugereisten, Wird eine Generalbereinigung erfahren. Gleichzeitig verhandeln seit Anfang Oktober in Batavia Holländer und Indonesier unter dem Vorsitz eines Britischen Schlichters. Lord Killearn, der hier, in fremdem Souveränitätsbereich, die Grundsätze des "Glacis-Liberalismus" vertritt, über ein Abkommen, das der jungen indonesischen Volksrepublik im holländischen Kolonalreich einen Platz verschaffen soll. Die amerikanischen Partner bleiben hier unsichtbar, aber ihr Reich beginnt in den benachbarten Philippinen. Es hat ein Kraftzentrum auf Guam, das nach einem Ausspruch des scheidenden Chefs der amerikanischen Pazifikflotte so wichtig wie Pearl Harbour werden soll, und erstreckt sich nördlich bis zu dem im soll, und griffenen arktischen See- und Luftstützpunkt auf den Aleuten.

Bei der Bewertung des "Glacis-Liberalismus" sollte freilich eines nicht verkannt werden: Zwischen den Stützpunkten des Ostens und Westens gibt es leere Räume. Die skandinavische Halbinsel ist beispielsweise ein solches Niemandsland. Dort soll die Neutralität alten Stils noch weiterhin gelten. Wenn der Türkei die erwähnten großen Kombinationen nicht gelängen, dann möchte sie am liebsten ebenfalls in einem solchen Vakuum verbleiben. Weiter östlich wären Persien und China besser daran, wenn sie in die gleiche Lage kämen, anstatt daß die Interessensphären sie in der Form kämpfender Bürgerkriegsfronten durchschnitten. Die heute noch in vollem Sinn Neutralen würden es natürlich lieber sehen, wenn die Souveränitätsrechte kleinerer Nationen überall in der Welt sorgfältiger geachtet würden. Echte Inseln der Neutralität werden im Zeitalter der Stützpunktsysteme immer kleiner. Ihr Abbröckeln weckt bei ihren Bewohnern Beängstigung, denn auf zu engem Raum wird die gewissenhafteste Neutralitätspolitik im Ernstfall, unhaltbar. So gesehen, ergeben sich neben den Vorteilen auch Gefahren. Diejenigen kleinen Staaten, von denen Technik und Großmachtpolitik nicht verlangen, daß sie sich einordnen in ein globales Sicherheitssystem, die also keinen Teil ihrer Souveränität aufzuopfern brauchen, die aber anderseits selbst, wenn sie freiwillig bereit wären, sich nicht einreihen dürften, weil ihre geographische Lage sie ungeeignet macht, fühlen sich eventuellen Nervenkriegen, aber späterhin auch den Gefahren eines Blitzangriffs in steigendem Maße ausgesetzt. Das Schwergewicht voller Selbstverantwortung drückt härter auf ihre Schultern, seit es anderen ungefragt abgenommen wurde. Man werte das und halte es ihnen zugute! Diese Neutralen sind nicht "überflüssig". Sie könnten Geistesfreiheit und unbefangenen kulturellen Austausch ausstrahlen und damit das blasse Pflänzchen des "Glacis-Liberalismus" erst richtig zum Wachsen bringen. Vorbedingung bleibt, daß ihnen die nötige Bewegungsfreiheit und Garantie ihrer neutralen Existenz gewährt wird. Skandinavien in Nordeuropa, ein islamischer Block im Vorderen Orient, ein im Einvernehmen mit England sich selbständig machendes Indien, ein befriedetes China könnten solche Strahlungszentren sein, die dem kulturellen Nebenprodukt der internationalen Stützpunktpolitik, dem Glacis-Liberalismus, erst Lebenskraft verleihen Dann würde sich erweisen, daß die Stützpunktsysteme nicht etwa einen, neuen Weltkrieg vorbereiten, sondern vielmehr seine Polypenarme einen nach dem andern im voraus fesseln. Ohne das Verbleiben wirklich neutraler Bereiche im Niemandsland aber erscheint diese Hoffnung gering.