Um das Jahr 1938 sind sonderbar hellsichtige Dinge über das ohnmächtige Europa geschrieben worden. Jean Paul Sartre hat in Frankreich von der "Nausée", dem Ekel vor dem ideologisch verzerrten Europa berichtet. In Deutschland ist in diesen: Jahr der Keim zu einer der geruhsamsten, nachsommerlichen Betrachtungen des Abendlandes gelegt worden. Adolf von Grolman nennt diese Betrachtung einen Roman (die "Ferien", Lambert-Schneider-Verlag, Heidelberg), und wir erfahren auch, warum: "Ich finde, daß Wesen und Sinn des Romans in seiner eigenen, inneren Bewegtheit liegen, die sich von Mensch zu Mensch überträgt ..." Das Ferienerlebnis, das er schildert, spielt in Frankreich. Da atmet dieselbe Liebe zum seelisch verinnerlichten Frankreich wie in René Schickeles Büchern. Aber Frankreich symbolisiert hier das ganze geistige Europa, die französische Lebensart, die deutsche Musik und lombardische Klarheit. Das ist die europäische Einheit, um die in den Kabinetten seit Jahrzehnten vergeblich gerungen wird. Das kulturelle Wissen ist in das sprachliche Filigran wie in einem Proustschen Roman hineinziseliert, auch wenn die psychologische Themenführung Prousts fehlt. Denn diese Ferien sind eine moderne Parabel: der Herbst des Abendlandes. Am Ende wandert die kulturliebende französische Familie nach Afrika aus, und der Schlußchor der Johannespassion, in dem die Parabel ausklingt, verhallt im lautlos auseinanderstrebenden und schon vergehenden Europa: "Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst" (Mörike).

Egon Vietta