Von Jan Molitor

Schon einmal hat "Die Zeit" betont, wie wichtig und schwierig es ist, die Wahrheit über die deutschen Kriegsgefangenenlager in Rußland zu erfahren, um der Kriegsgefangenen und um ihrer Angehörigen willen, die zwischen Hoffnung auf Wiederkehr und Verzweiflung schwanken. Der folgende Bericht ist eine nur wenig stilisierte Zusammenfassung einer ausführlichen Schilderung, die ein jünger Heimkehrer mündlich gab.

Ich heiße Siegfried J., und das Gefangenenlagerhatte die Nummer 437. Es liegt bei Tscherepowieze in der Nähe von Wologda im nördlichen Rußland. Bis Moskau beträgt die Entfernung 600, bis Berlin 2000 Kilometer. Wie Tscherepowieze auf deutsch heißt, weiß ich nicht. Es ist für mich ein Name für Einsamkeit und Verlassenheit. Die Landschaft ist flach, besteht aus Wäldern und Sümpfen, und ich habe dort einige Menschen kennengelernt, die ich mit einem Spaten oder sonst einem Gegenstand, der mir zur Hand wäre, erschlagen könnte, wenn ich nicht wüßte, daß Mord und Totschlag endlich aufhören müssen, damit die Welt zur Ruhe kommt, Ich muß leider sagen, daß die Menschen, von denen ich spreche, Deutsche sind. Aber man muß vergessen.

Eines Tages hoffe ich den Namen eines deutschen Majors zu vergessen, der einem armen Landser das letzte Stück Brot stahl und zur Erklärung – nicht zur Entschuldigung – ungerührt meinte: "Wenn ich doch Hunger hatte!" Überhaupt muß ich sagen, daß die Offiziere meist schlechtere Haltung zeigten als die Soldaten und daß sie im Bemühen, sich Erleichterungen und Einfluß zu verschaffen, die Grenze der Anständigkeit sehr! oft überschritten. Diese Feststellung fällt mir nicht leicht, denn ich bin selber Offizier gewesen. Aber was soll man von dem Major denken, einem Angehörigen der NSDAP seit 1931, der am 1. Mai 1946 aus freien Stücken ein Huldigungs-Telegramm an Stalin sandte? "Wir wollen arbeiten; Wir demonstrieren für Wiedergutmachung." Als danach auch diejenigen zur Arbeit geführt wurden, die bisher davon befreit gewesen, herrschte großes Erstaunen. Nun arbeiteten alle – bis auf den Major, der auch in der neuen politischen Situation den rechten Ton getroffen hatte.

Von solchen Beispielen könnte ich leicht eine ganze Sammlung herausgeben. Als ein Offizier, der bis zuletzt sehr aktiv in der NSDAP gewesen war, jetzt aber mit bemerkenswerter Geschwindigkeit das politische Hemd gewechselt und sich schon zum Redner des Lagers aufgeschwungen hatte, in einem seiner Vorträge über die deutschen Konzentrationslager sich in schwungvollen Phrasen verbreitete, sprang der einstige kommunistische Jugendführer Antemann auf, der drei Jahre im KZ zugebracht hatte und verbat es sich, daß Leute aus dem Kreise der KZ-Bewachung plötzlich das große Wort über die dort geschehenen Greuel führten. Worauf der andeie es erreichte, daß Aufermann, der eigentlich hätte entlassen werden müssen – er hatte willig seine Arbeit geleistet, obwohl er einen Pneumothorax trug –, für diesmal noch im Lager festgehalten wurde. Seit der kurzen Zeit; da ich in Deutschland bin, habe ich mir keine Vorstellung vom Wirken der Parteien machen können. Solche Leute jedenfalls wie Aufermann waren vorbildlich in ihrer Kameradschaft. Die neuen Kommunisten in unserem Lager jedoch, die rasch den Mantel nach dem Wind gehängt hatten, wären der Schrecken ihrer Umgebung. Sie waren stalinistischer als Stalin, und ihr Inneres war ein Gemisch von nationalsozialistischer Sturheit mit neuer kommunistischer Radikalität. Als in den zu Moskau gedruckten "Nachrichten für Kriegsgefangene" die Meldung stand, daß in der amerkanischen Zone die deutschen Arbeiter vor Entkräftung an der Drehbank zusammenbrächen, wohingegen aus der russischen Zone im selben Blatt nur Lobenswertes gemeldet wurde, wagten es einige Kamraden, die Meldung anzuzweifeln. Die politischen Lagerpropheten – Deutsche also – griffen ein, und jene hatten ihren mangelnden Glauben durch erhöhte Arbeitsleistung zu büßen.

Unsere Wächter

An diesem Punkt muß ich wohl erklären, warum die Deutschen und nicht die Russen die große Rolle spielen. Lager 437 enthielt 5000 Gefangene, Offiziere und Mannschaften, die von 50 russischen Offizieren und ebensoviel russischen Soldaten bewacht wurden, von denen die meisten wenig über 17 Jahre zählten. Der russische Lagerkommandant war korrekt, ja von menschlicher Güte. Die russische Bewachung, durchweg einfache, brave Burschen, störten uns wenig. Sie waren eher Leidensgenossen als Unterdrücker, sie besaßen nicht viel mehr als wir, sie aßen aus alten Konservendosen, sie waren wie wir verurteilt, in der Einsamkeit zwischen Wäldern und Sümpfen zu leben. Wir hätten leicht aus. dem Lager entkommen können, aber die Tatsache, daß die in Komsomolzen-Verband geeinigte russische Jugend in den Gebieten von Tichwin und Leningrad mit großem Erfolg den nationalen Sport betreibt, flüchtige Deutsche zu fangen; veranlaßte uns, die Fluchtbegierde immer wieder einzudämmen.