Selbst von Engländern ist gelegentlich zu hören, daß man in Deutschland vor dem Kriege besser gelebt und auf die Wohnung mehr Sorgfalt gelegt habe als in England. Trifft das zu? Es ist schwierig, solche Eindrücke mit Zahlenmaterial zu belegen, denn was heißt Lebensstandard? Denkt man nur an die Ernährung, dann ist am ehesten ein statistischer Vergleich möglich, da sich vieles auf Einheiten umrechnen läßt – aber zum Lebensstandard gehören auch die kulturellen Bedürfnisse, die Wohnung, die Kleidung, die Freizeitgestaltung usw. Wie will man alles das berechnen? Außerdem kommt es nicht nur darauf an, daß der Lebensstandard, objektiv gesehen, hoch ist, daß also z. B. viel Fleisch verzehrt, wird, für Kleider und Schuhe große Beträge ausgegeben werden, daß jede zweite Familie ein Badezimmer und jede dritte ein Automobil hat und dergleichen, sondern der Lebensstandard muß auch den Gewohnheiten eines Volkes angepaßt sein. Ein Volk, das sich bei einem objektiv niedrigeren Lebensstandard das Leben leichter gestaltet als ein anderes mit höhere: Kaufkraft, ist glücklicher, weil es die Lebenskunst erfaßt hat.

Individuelle Beobachtungen und Wertungen sind also bei der Beurteilung eines Lebensstandards wichtig. Diese decken sich im allgemeinen mit statistischen Berechnungen. Beide Methoden ergeben, daß vor diesem Kriege für die breiten Massen der Arbeiterschaft und des Mittelstandes, die uns hier ausschließlich interessieren sollen, der Lebensstandard in den USA am höchsten war. Es folgten in einem ansehnlichen Abstand die Schweiz, Holland, Schweden und Dänemark, die nicht in Kriegen den in Generationen geschaffenen Reichtum zerstört hatten, und dann in einem geringeren Abstand Großbritannien und Deutschland. Stark zurückgeblieben waren dagegen die vor Jahrhunderten noch führend gewesenen Länder der wärmeren Zone, wie Italien und Spanien.

Der deutsche Lebensstandard war vor allem in der Wohnkultur bedeutend – um so schmerzlicher sind die Verluste durch die Bombardierungen. In der Wohnkultur wurde aber Deutschland vor allem für Arbeitersiedlungen, nach dem ersten Weltkrieg von einigen Ländern überflügelt, so von Schweden und sogar von dem verhältnismäßig armen Finnland, auch von Wien mit seinen Arbeiter-Wohnblocks.

Der Gegenpol war vor dem Kriege Frankreich. Die Wohnsteuer hemmt hier die Wohnkultur; denn kinderreiche Familien, die ihre Kinder in luftigen Räumen aufwachsen lassen wollen, müssen höhere Steuern bezahlen als Junggesellen, die in kümmerlichen Dachkammern hausen. In Frankreich lebt man nicht, um vornehm zu wohnen, sondern um gut zu essen und zu trinken. Viele Arbeiter geben für ihre vier, fünf oder noch mehr Aperitifs mehr Geld aus als für ihre Wohnung; Austern sind ein Volksnahrungsmittel. Diese Art Lebensstandard kann man als Fremder nicht in den Luxusrestaurants studieren, sondern in den Kneipen, denn überall wird ein gleich hoher Wert auf die Qualität des Essens und der Weine gelegt, Weil alle hieran von jung an gewöhnt sind.

Bescheiden ist dagegen der Lebensstandard in der französischen Familie, nicht nur weil diese sich mit wenigen Räumen begnügt, sondern auch weil die Hausfrau – wie auch die manchen arderen Landes – sich das Kochen bequem macht Die Arbeit der deutschen Frau in der Küche wie auch des deutschen Mannes im Schrebergarten ermöglichte dagegen eine wesentliche Erhöhung des deutschen Lebensstandards. Der Mann bringt aus dem Garten das Gemüse, und die Frau verwertet es "bestmöglich". Wie soll man aber in Berechnungen diese Posten einsetzen?

Eine Verbindung hoher Wohn- und Essenskultur zeigt der Lebensstandard der Niederlande und der Flamen und weiter Gebiete der nordischen Linder, Hier aß und wohnte man zwischen den beiden Kriegen besser als in Deutschland. In Großbritannien wohnte und aß man dagegen nicht ganz so gut wie in Deutschland.

Die einleitend aufgestellte Behauptung, daß die USA den höchsten Lebensstandard hätten, wird vielfach von Kriegsgefangenen, die in den USA im Arbeitseinsatz waren, mit einem ironischen Lächeln abgetan. Ihr Urteil ist aber meistens einseitig bedingt durch Beobachtungen im Süden und in den Elendsvierteln, wo die von Deutschen üblicherweise als so wichtig angesehenen Wohnverhältnisse manches zu wünschen übriglassen. Abwegig ist aber die so oft zu hörende Behauptung, daß die USA keine Wohnkultur hätten. Die vielen Siedlungshäuser der qualifizierten Arbeiter mit ihren Badezimmern und modernen Einrichtungen sind ein Zeichen hoher Wohnkultur, wenn diese auch ein etwas anderes Gesicht hat als die in Deutschland vorherrschende.