Kunsthalle zu Hamburg bewahrt ein Konvolut Briefe von Alfred Lichtwark an Gustav Pauli ihres ersten Direktors an seinen späteren Nachfolger, der zu jener Zeit noch in der Schwesterstadt Bremen amtierte. Es sind keine Kabinettstücke der Briefschreibekunst, wie sie Lichtwark, der feinsinnige und beredte Kunsterzieher, ebenfalls hinterlassen hat und die man stets studieren und genießen wird, wenn es sich um Kulturgeschichte jener augustäischen Zeit vor 1914 handelt. Bei den anspruchsloseren und völlig privaten Briefen ist nie an mehr gedacht als an den Adressaten und die darin, enthaltene Mitteilung. Sie sind darum meist kurz und gedrängt, ihr sachlicher Inhalt bedarf mancher Erläuterung, und es ist ihr Alter und die durch zwei Weltkriege geschaffene Distanz, die dem dritten Leser das Gefühl der Indiskretion ersparen.

Dennoch gebohrt der Lichtwark-Stiftung Anerkennung dafür, daß sie Druck und Veröffentlichung der Briefe veranlaßte (erschienen im Johann-Trautmann-Verlag, Hamburg). Aneinandergereiht, spiegeln sie ein von hohen Aufgaben erfülltes Leben, gewähren sie das Bild einer noblen Männerfreundschaft, in der herzliche Zuneigung und berufliche Wertschätzung sich unauflöslich verbinden. Beide Männer sehen ihre Lebensaufgabe darin, den in seiner kommerziellen Einseitigkeit romantischen Hanseatengeist mit der Realität der Kunst vertraut zu machen. Der ältere Lichtwark, ganz konzentriert auf seine Hamburger Aufgabe und gerade darum weit über das Format einer Lokalgröße hinausgewachsen, liebt und bewundert den Jüngeren, dem das Schicksal scheinbar die leichtere Hand und das mühelosere Schaffen gab. lobt ihn, feuert ihn an. So entsteht aus diesen privaten Dokumenten ein Bild und Vorbild kulturellen Arbeit.

Der Herausgeber Karl Schellenberg, der selbst auf den Spuren dieser beiden Hanseaten wandelt, hat die Herausgabe mit der gebührenden Ehrfurcht und großer wissenschaftlicher Genauigkeit besorgt. Seine, schöne und von der Melancholie des Erscheinungsjahres gefärbte Einleitung zeichnet ein Bild des Briefschreiben wie des Empfängers und ’ihrer Zeit, und seine reichlichen Anmerkungen erleichtern es vor allem den jüngeren Lesern sich in den Geist der Zeiten zu versetzen. Lorenz