Eine Berliner Zeitung hat kürzlich die Unzulänglichkeit der in der Ostzone zur Veröffentlichung kommenden statistischen Daten bemängelt und von "unechter Statistik" gesprochen. In der Tat haben wir es hier mit einem System der Scheinpublizität zu tun, durch das Entwicklungen von entscheidender Bedeutung verdunkelt werden.

Weil in der Ostzone die Planwirtschaft in besonderem Maße ausgebildet ist, müßte eigentlich angenommen werden, daß auch, die’statistische Erfassung der wirtschaftlichen Vorgänge eingehender und genauer sei, als in den andern Zonen. Die Öffentlichkeit erfährt jedoch hiervon lediglich in meist offensichtlich zweckbestimmt ausgewählten Bruchstücken. So wurde ihr etwa, übrigens auch nur über einen Zeitschriftenartikel, mitgeteilt, daß der Produktionsplan für das erste Quartal 1946 sich auf einen Gesamtwert von 1,36 Milliarden, für das zweite Quartal auf 1,49 Milliarden Reichsmark belief. Und dann hört sie in gelegentlichen Einzelmeldungen, daß in diesem Industriezweig der Plan zu 105 v. H., in jenem zu 103 v. H. erfüllt worden sei, Ohne damit natürlich mangels weiterer Unterlagen ein Bild von dem Produktionsumfang gewinnen zu können.

In Berichten aus dem Westen ist gelegentlich bemerkt worden, die Kohlenförderung des Ruhrgebiets leide darunter, daß durch das Gefühl, in erster Linie für Reparationen und nicht für die dringlichen Lebensbedürfnisse des eigenen Volkes arbeiten zu müssen, die Schaffensfreude der Bergleute beeinträchtigt werde. In der Ostzone dürfte das Arbeiten für die Besatzungsmacht (es empfiehlt sich nicht, von Reparationslieferungen zu sprechen, weil sich mit diesem Begriff besondere Vorstellungen über Anrechnungsverfahren unter anderem verbinden) in noch weit höherem Maße vorliegen. Wir sagen "dürfte", denn Zahlen hierüber werden nicht veröffentlicht, oder es wird nur fallweise einmal in Privatmeldungen am Rande berichtet, daß der oder jener Betrieb zu 90 oder 100 v. H. für russische Rechnung tätig sei. Seinerzeit wurde bekanntgegeben, das in den Produktionsplänen vorgesehene Soll bleibe unter der Kapazität der Ostindustrie und eine hiernach mögliche Erzeugung über seine Erfüllung hinaus solle voll der deutschen Bevölkerung zugute kommen. Tatsächlich jedoch ist das Soll in den ersten Quartalen 1946 – inzwischen mag sich vielleicht durch Korrekturen an den Planansätzen etwas geändert haben – nicht erreicht worden; im ersten Quartal kam man insgesamt nur auf 87 v. H., die Textilindustrie beispielsweise sogar nur auf 68 V. H. Die Erklärung liegt zu einem wesentlichen Teil in den Schwierigkeiten der Rohstoff- und Betriebsmittelbeschaffung, in dem Mangel an Ersatzteilen, verschiedentlich auch in dem Fehlen von Fachkräften.

All dies hat sich auf die Verteilung der Erzeugung merklich ausgewirkt. Von! zur freien Verfügung stehenden Überschüssen kann in der Regel nicht die Rede sein, vielmehr wirken: sich die nach den Plangrößen bemessenen sowjetischen Anforderungen bei den skizzierten Verhältnissen gerade umgekehrt als Druck auf den zivilen (genauer eigentlich: deutschen) Anteil an der Produktion aus. Die entstandene Lage löst ferner mancherlei Eingriffe und Repressivmaßnahmen der sowjetischen Militärbehörden aus, wie etwa die Heranziehung von Unternehmen mit guter oder überplanmäßiger Sollerfüllung zum Ausgleich der bei andern sich ergebenden Lieferungsausfälle. Im besonderen noch werden Gründe zur Vergrößerung der "Liste C" gesehen, auf der sich die in sowjetische Regie genommenen Betriebe befinden. Hiervon hört man in privaten Mitteilungen der Industrie, während irgendwelche statistischen Angaben offizieller oder auch nur offiziöser Natur nicht publiziert werden. Um so mehr – und vielleicht ergeben sich gerade durch den Unterrichtungsmangel bisweilen übertriebene Vorstellungen – begegnen die Berichte über steigende oder befriedigende Erzeugung der resignierten Entgegnung: "Aber nicht für uns!" Zumal manche Belieferungshoffnungen nicht in Erfüllung gegangen sind und in vielen Dingen die zeitweise (scheinbar) wachsende Marktbeschickung wieder "versandet" ist. Seg.