Als der Freispruch meines Mandanten verkündet und seine Entlassung bekanntgegeben wurde", so sagte Dr. Kuboschok, der Verteidiger von Papens und der Reichsregierung, nachdem Lordrichter Lawrence in Nürnberg das Urteil des Gerichts verlesen hatte, "da dachte ich an die Fälle meiner früheren Verteidigererfahrungen, in denen nach Verbindung des Freispruchs das politische ,Unerwünscht‘ erschien, der Gestapobeamte am Gefängnistor stand und den entlassenen Untersuchungshäftling Sofort wieder verhaftete." Welch schönes Gefühl der Rechtssicherheit sprach aus diesen Worten eines Mannes, der im Dritten Reich mit vorbildlichem Mut vor dem Volksgerichtshof die Führer der tschechischen Widerstandsbewegung verteidigt hatte, welches Vertrauen darauf, daß Recht und Menschlichkeit endlich auch in Deutschland wieder zur unumschränkten Herrschaft gelangt seien! Doch als er das Gerichtsgebäude verließ, fand er es umlagert von einem starken Aufgebot der Nürnberger Kriminalpolizei, die bereitstand, die Freigesprochene sofort wieder zu verhaften. Nichts hatte sich geändert.

Das große Drama des Nationalsozialismus war in Nürnberg zu Ende gegangen, und wie in der attischen Tragödie folgte ein Satyrspiel. Drei verängstigte Männer saßen drei Tage und zwei Nächte lang im Gefängnis und warteten auf eine Entscheidung Draußen tobte sich das "gesunde Volksempfinden" aus, nicht nur in Nürnberg, sondern in ganz Deutschland, Massenkundgebungen in Berlin, in Hamburg, Hannover, Remscheid, in Hessen, Thüringen. Sachsen, Württembergs Bayern; Protesttelegramme an den Kontrollrat, von Parteien und Komitees, blutrünstige Überschriften in den Zeitungen. Es war Wahlkampf. Welche Gelegenheit, zu beweisen, daß man antifaschistisch sei bis auf die Knochen! Welche Gelegenheit, auch dunklen Gefühlen der Rache freien Lauf zu lassen! Es gab keine Phrase aus den wildesten Zeiten alter Parteikämpfe, die nicht ihre Auferstehung gefeiert hätte. Unbestritten die beste Leistung vollbrächte der kommunistische Aufbauminister Paul, als er die überstaatlichen Mächte aus der Rednerkiste von Hitler und Goebbels bemühte und fragte, ob nicht die Fäden des internationalen Finanzkapitals bis in die Zelle von Schacht und die päpstlichen Kräfte in die Zelle von Papens gereicht hätten.

Ungehört verhallte in diesem Wutgeschrei das Interview, das der oldenburgische Ministerpräsident Tantzen bei der Interzonenkonferenz in Bremen Pressevertretern gegenüber gab und von dessen. Inhalt in der britischen Zone leider nur ganz wenige durch den "Manchester Guardian" Kenntnis erhielten. Es war die erste Stimme der Vernunft, die laut wurde. Man werde, so erklärte Ministerpräsident Tantzen, die Freiheit der drei Nürnberger Freigesprochenen nicht beschränken, wenn sie in Oldenburg Unterkunft suchten Von Papen Fritzsche und Schacht würden nur dann in den Anklagestand versetzt werden, wenn die Justizbehörden feststellten, daß sie Handlungen begangen hätten, die strafbar gewesen seien nach den deutschen Gesetzen, die zur Zeit der Begehung Geltung gehabt hätten. Bevor die Frage der Straffähigkeit nicht geklärt sei, könne man keinen Deutschen ins Gefängnis werfen. Er würde keinen der Freigesprochenen verhaften lassen. "Jede Nazimethode ist mir widerlich."

Der bayrische Ministerpräsident und Justizminister Dr. Hoegner hingegen erklärte, er werde Papen sofort verhaften lassen, denn er sei des Hochverrats schuldig durch seinen Staatsstreich des Jahres 1932 in – Preußen. In der Tat in Preußen. Welch erfreuliches Zeichen deutscher Einkehrt Ein Bayer, dessen Landsleute die Bewohner dieses Landes stets mit dem Zusatz "Sau-" zu bezeichnen pflegen, will das dem Lande Preußen zugefügte Unrecht streng bestrafen. Schade nur, daß dem Justizminister Hoegner dabei entgangen war, daß das Land Preußen nicht mehr existiert, Hochverrat gegen dieses Land nach dem Gesetz daher nicht mehr geahndet werden kann, daß überdies alle Hochverratsbestimmungen des Strafgesetzbuches von 1871, die Paragraphen 80 bis 94, durch den Alliierten Kontrollrat aufgehoben sind, daß ein bayrisches Gericht für diese Fragen überhaupt nicht zuständig und ein allgemeines -deutsches Gericht nicht vorhanden ist.

Aber verhaftet muß werden, und sollte die Welt untergehen. So erließ auf Veranlassung von Dr. Hoegner. der Vorsitzende der Ersten Bayrischen Spruchkammer, Müller, einen Verhaftungsbefehl auf Grund, des Denazifizierungsgesetzes. Ein anderer Müller; ein amerikanischer Brigadier jedoch, schickte seine bayrische Polizei, die vor dem Gefängnis wartete, kurzweg nach Hause. Bei Nacht und Nebel, nach Irreführung der wartenden Weltpresse und mit aller Heimlichkeit eines schlechten Kriminalromans wurden, endlich Schacht und Fritzsche aus dem Gefängnis geschmuggelt. Doch zwei Stunden später erschien der Polizeichef von Nürnberg, Herr Leo Stahl, in des Wohnung von Schacht, verhaftete den ehemaligen Reichsbankpräsidenten und nahm ihn mit zum Polizeipräsidium. Eine Viertelstunde lang schrien sich beide Männer dort gegenseitig an, dann machte ein amerikanischer Offizier der erregten Debatte ein Ende, und Schacht konnte mit Polizeibegleitung nach Hause gehen.

Kein Wunder, daß Herr Stahl sich ärgerte. Sein Ministerpräsident verlangte von ihm, daß er Verhaftungen vornehmen solle, und die Amerikaner hinderten ihn daran. Voller Tatendurst hing er sich einen Karabiner um und lief in die Wohnung von Fritzsche, der bei seinem Anwalt, Dr. Sachs, Zuflucht gefunden hatte. Da mußte ihm nun das Mißgeschick passieren, daß dieser Anwalt ihn fragte, ob er einen Verhaftungsbefehl vorzeigen könne. Kleinlaut gestand Herr Stahl, diesen Befehl habe er leider vergessen. Spornstreichs eilte er nach Hause, kam, so schnell er konnte, wieder und wurde von der eigenen Polizei zurückgewiesen, denn inzwischen hatten die Amerikaner auch die Verhaftung von Fritzsche verboten: Damit fanden Sie bayrischen Schildbürgerstreiche von Nürnberg ein vorzeitiges Ende.

Der – bayrische Ruhm ließ die Schwaben nicht schlafen. Waren sie nicht in der ganzen Welt berühmt um ihrer, Schwabenstreiche willen? Der Ministerrat tagte, und Herr Kamm, der Minister, für Denazifizierung, gab bekannt, die im Nürnberger Prozeß Freigesprochenen würden sofort verhaftet werden, wenn sie nach Württemberg kämen. Ebendies nun tat Dr. Schacht, nachdem ihm von Seiten der Amerikaner freies Geleit versprochen worden war. Kaum jedoch war er bei seinen Freunden in Backnang angekommen, erschien, gewitzigt durch die Erfahrungen des machtlosen Herrn Stahl, der Minister persönlich, um Schacht auf Grund des Paragraphen 40 des Denazifizierungsgesetzes zu verhaften. Die amerikanischen Generale, nicht ganz einig über die Auslegung des versprochenen Geleits, immerhin aber deutlich von dem Vorgehen des Herrn Ministers abrückend, da gesetzlich ein Grund zur Verhaftung Schachts nur bei Fluchtverdacht vorgelegen hätte, gaben schließlich angesichts so beharrlichen Unverstandes nach und ließen der Rechtlosigkeit ihren Lauf.