Die Periode zwischen der Pariser Friedenskonferenz und der jetzt beginnenden Tagung der Vollversammlung der UNO und der vier Außenminister in Neuyork wird gekennzeichnet durch eine Serie von Reden der angloamerikanischen Staatsmänner, um der Weltöffentlichkeit die Ziele und Methoden ihrer Außenpolitik klarzumachen. Die Initiative zur Formung der "Weltmeinung" – soweit es eine solche überhaupt gibt – ist von dem amerikanischen Außenminister mit seinem Rechenschaftsbericht über die Pariser Konferenz ergriffen und von Senator Vandenberg, dem britischen Außenminister Bevin, Premierminister Attlee und Churchill fortgesetzt worden.

Die amerikanische Außenpolitik sieht in dem russisch-amerikanischen Verhältnis den entscheidenden Faktor für die Zukunft Europas. Byrnes warnt allerdings davor, den Krieg als Möglichkeit in Betracht zu ziehen. "Seit der Potsdamer Friedenskonferenz, die im Anfang meiner Amtszeit lag, haben Präsident Truman und ich für eine Verständigung mit der Sowjetregierung gearbeitet, und wir werden unsere Arbeit fortsetzen."

"Zwei Staaten können schnell zu einer Verständigung gelangen, wenn der eine Teil bereit ist, allen Forderungen nachzugeben", so fuhr Byrnes fort, "Die USA sind dazu nicht bereit, genau so wenig, wie sie dies von einem anderen Staat verlangen würden. Jede Verständigung verlangt die Überbrückung von Meinungsverschiedenheiten und nicht das Nachgeben des einen Staates gegenüber dem Willen des anderen." Der amerikanische Minister fand für die Zurückweisung der fortgesetzten Angriffe seitens seiner russischen Kollegen eindeutige Worte. So beschuldige man beispielsweise die USA der Bereicherung am Kriege und des Versuches, unter dem Mantel der Handelsfreiheit und der handelspolitischen Gleichberechtigung für alle Nationen Europa wirtschaftlich – zu versklaven. "Solche Anklagen werden die USA von keinem Volke ohne Bedauern vernehmen", sagte Byrnes weiter. "Sie sind jedoch besonders bedauerlich, da sie von Seiten der Sowjetregierung kommen, der wir mehr als zehn Milliarden Dollar im Rahmen des Pacht- und Leihgesetzes im Kriege vorgeschossen haben und mit der wir im Frieden in Freundschaft zu leben" wünschen."

– Die amerikanische Presse, voran die "New York Times", applaudiert ihrem um die Weltgeschicke ringenden Außenminister, indem sie feststellt, daß Byrnes offen, nüchtern und konstruktiv gesprochen habe, und daß er ebenso, geduldig, wie beharrlich und zäh sei. Selbst der vor kurzem aus der Regierung geschiedene Handelsminister Wallace bekennt das gleiche.

Das Kernstück für die Verständigung zwischen den USA, England und der Sowjetunion in Europa ist naturgemäß Deutschland. Einer baldigen Lösung des deutschen Problems jedoch wird von der Londoner "Times" keine günstige Prognose gestellt, denn nach ihren Informationen wird auf der Außenministerberatung am 20. November in Neuyork zunächst nur ein Programm der Deutschland betreffenden Fragen aufgestellt werden. Über die einzelnen Punkte selbst aber könne erst bei einem späteren Treffen, das für Januar in Europa vorgemerkt sei, diskutiert werden. "Times" läßt keinen Zweifel an ihrer Meinung aufkommen, daß das deutsche Problem schleunigst geregelt werden müsse. Hierzu gehören nach ihrer Meinung ebensosehr die Vorbereitung für einen Friedensvertrag mit Deutschland wie für eine deutsche Zentralregierung. Schließlich auch eine vernünftige Linie in den Reparationsleistungen und Gewährung von Rohstoffkrediten, damit die deutsche Wirtschaft und der deutsche Export sich entfalten können.