Ein bißchen erinnert unsere Gegenwart auch darin ans Ende des ersten Weltkrieges: wir kritischen Walfische (um es lessingisch zu sagen) haben endlich wieder eine Tonne zum Spielen. Die Tonne ist ein Wort. Und das Wort heißt Surrealismus, so wie damals Expressionismus. Beide haben auch das ge- – mein, daß sich viel, wenig oder fast gar nichts dabei denken läßt. Das wäre weiter nicht zu bedauern, wenn diese Wort-Tonnen davon nicht den Koller bekämen und die gefälligen Walfische sie dann zum Wertmesser für alles und jedes nähmen. Aber derlei bekommt den Tonnen nie gut. Eines Tages sind sie von der Meeresoberfläche verschwunden, während immer noch einige Walfische, ohne zu merken, daß die Tonne abgesoffen ist, sie mit Maul und Flosse umspielen.

Zurzeit ist noch keine Gefahr. Wenigstens in München erweisen sich sämtliche Stücke, die uns aus amerikanischer Autorschaft zukommen, als einwandfrei surrealistisch. Das heißt: diese Autoren sind es müde, das Leben mit dem Tod zu Ende sein zu lassen. Sie haben es satt, die Tyrannei der fünf Sinne weiterhin zu stützen; so lassen sie, poetische Ventile öffnend, ins Diesseitige das Jenseitige hereinspielen. Sie tun es mit stillem Nachdruck, aber doch großer Behutsamkeit, wie kluge Märchenonkel, die wissen; daß sie ihre erwachsenen Zuhörer erst wieder an die Selbstverständlichkeit des Wunderbaren gewöhnen müssen. Besonders der Tod, wenn er auftritt, benimmt sich wie sein eigener Beschwichtigungshofrat. Er macht es, Öl in der Stimme und Sanftmut in allen Gebärden, begreiflich, daß unser Schreck vor ihm ein Vorurteil ist. Er tut nicht weh, er ist unser bester Freund, in seiner Hand sind wir herrlich aufgehoben – was wir uns jetzt freilich manchmal auch ohne surrealistische Belehrung schon gedacht haben.

Auch der Tod, der bei. Paul Osborn in einen Apfelbaum hinaufgehext und dort (wie im alten deutschen Märchen) magisch festgehalten wird, ist ein sanfter Heinrich dank der Anweisung seines unsichtbaren Chefs, die Kundschaft zuvorkommend zu bedienen. Daß in ihm auch noch was anderes steckt, beweist er, wie er den kleinen Buben Pud so drankriegt, daß es wirklich für Pud das Beste ist, er stirbt nun mit seinem Großvater zusammen, der ja doch nur seinetwegen durchaus nicht hatte sterben wollen. Man sieht, selbst der Tod wird dämonisch, wenn er sich eines Rüffels seines Vorgesetzten versehen muß, und er begeht lieber einen Ungehorsam gegen verbriefte Lebensrechte (denn nicht Pud, nur der Opa stand auf der Liste der zu Holenden), als daß er sich wegen beruflichen Ungeschicks oder gar wegen Insubordination belangen ließe.

Nun, nachdem Pud und sein Opa es auch im Jenseits gleich so herrlich finden, und im Diesseits die gräßliche Tante Demetria für den verwaisten Knaben doch wohl unvermeidbar gewesen wäre, sind auch wir seines Mitsterbens zufrieden. Überhaupt ist dieser "Tod im Apfelbaum" ein reizendes Märchen – nicht nur wegen des Einfalls, den Tod als Baumsitzer außer Kurs zu setzen, sondern vor allem auch wegen der menschlichen Nettigkeit und Herzlichkeit, die darin waltet. Es nennt sich ein Spiel in zwei Akten, und wenn das für ein Drama zu wenig scheint, so zeigt sich hier, daß von den elf Bildern, die dahinter zum Vorschein kommen, eher zwei zu viel sind. Es geht eben zeitweise mehr episch (filmisch) als dramatisch zu, wie immer, wo Lebensläufe zu Ende gespult werden.

Indessen: die Aufführung der Münchner Kammerspiele im Schauspielhaus war ein solcher Glücksfall, daß man auch damit einverstanden blieb. Der Glücksfall heißt Axel Scholz und ist ein deutsches Flüchtlingskind aus dem Böhmerwald und so begabt, daß ihm naiverweise in jedem Augenblick gelingt, was den genialsten Erwachsenen nur selten gerät: glauben zu machen, daß er nicht spielt, sondern ist, was er vorstellt, und selber erdacht hat, was er spricht. Der Junge, Werys herrlich wuscheliger Großpa und Bruno Hübners Tod im Exterieur eines in Öl gesottenen Bestattungsinstituts-Agenten waren ein Trio erster Ordnung. Damit war aber das Vergnügen noch nicht abgegrenzt und eingekreist. Sondern in Wolfgang Znamenaceks Bühnenbildern (allen Wirklichkeiten, auch den jenseitigen, offen und dabei von einer großzügigen Plunderherrlichkeit erfüllt) wußte der Spielleiter Domin noch allerhand menschlich Nettes (Marianne Probst) oder Abschreckendes (Demetria: Ruth v. Zerboni) oder Hinterwälder-Biedermeierliches (Fritz Reiff) anzusiedeln, und so dem Märchen als Ganzem den Beifall zuzuwenden, den es menschlichdichterisch wie darstellerisch verdiente. Auch im Schauspielhaus nahm somit die Spielzeit mit "Tod im Apfelbaum" einen verheißenden Anfang.

Hanns Braun