Die Begriffe Linke, Rechte und Mitte haben in Westeuropa in der heutigen Zeit, in der fast alle Parteien ein demokratisches.und ein sozialfortschriftliches Programm als selbstverständlich ansehen, ihre alte Bedeutung etwas eingebüßt, aber der Ausdruck Mitte ist noch überaus charakteristisch für die sozialdemokratischen Parteien der westeuropäischen Länder. Sie stehen in der Mitte zwischen dem Kommunismus und dem politischen Katholizismus. Falls es innerhalb der Partei zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten kommt, dann einigt sie sich meistens sehr schnell, auf eine mittlere Linie zwischen ihrer eigenen Linken und Rechten, weil nur so eine Krise und eine Entwicklung wie etwa in Finnland vermieden werden kann.

Für die sozialdemokratischen Parteien sind solche Richtungskämpfe an sich nichts Neues, aber sie sind heute zu einer Lebensfrage geworden, denn es droht die Gefahr, daß die Sozialdemokratie, wie Harold King, einer der besten Kenner Frankreichs, es anläßlich des Parteitages der französischen Partei etwas kraß formuliert hat, zwischen dem Kommunismus und dem politischen Katholizismus erdrückt werden könnte. Sie habe nämlich, so schreibt Harold King, kein Programm mehr, das sich wesentlich von dem der beiden andern unterscheide, und wende sich an dieselben Wählerkreise, das städtische und bäuerliche Proletariat und Kleinbürgertum. Dies Urteil ist aber doch überspitzt. Gegenüber dem politischen Katholizismus besteht immerhin die wichtige Abgrenzung, daß die katholischen Parteien Westeuropas in Fragen des Glaubens und der Sitte konservativ sind. Gegenüber dem Kommunismus besteht der Unterschied der autoritären und der demokratischen Einstellung, wenn er auch in den westeuropäischen Ländern nicht so stark in Erscheinung tritt.

In der politischen Stellung besteht gegenüber dem Kommunismus der Nachteil, daß die sozialdemokratischen Parteien immer nach links schauen müssen, während die kommunistischen Parteien eine Konkurrenz von links nicht zu befürchten haben. Die kommunistischen Parteien können vor allem deswegen trotz ihres relativ gemäßigten Gegenwartsprogramms in ihrer Agitation als Erbe des für die west- und südeuropäischen Völker so bedeutsamen Syndikalismus Sorelscher Prägung auftreten. Sie halten weiter an der Sorelschen These fest, daß es nur eine schöpferische Kraft gebe: den revolutionären Willen des Proletariats. Und sie schulen undentwickeln diesen revolutionären Willen, wenn sie auch die antiparlamentarischen Tendenzen des Syndikalismus abgestreift haben. Dieser Appell an den Elan der lateinischen Völker war einst das Vorrecht und die Stärke der Sozialdemokratie. Jetzt könnte es für sie zu einer verhängnisvollen Schwäche werden, wenn sie in alter syndikalistischer Tradition zu Streiks und Straßendemonstrationen auffordert, denn die Führung würde erfahrungsgemäß sofort in die Hände der Linken übergehen.

Die Sozialdemokraten Westeuropas betrachten einen Appell an den revolutionären Elan heute als ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Sie sehen in dem Syndikalismus eher ein Symptom der Dekadenz als der Kraft, sie finden keinen Gefallen mehr an extravaganten Ideen, sondern ziehen Gedanken vor, die ihre Väter einst als philisterhaft, bürgerlich und im alltäglich abgelehnt haben. Sie sind den Weg vom Syndikalismus zur Demokratie und zum Liberalismus in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen konsequent zu Ende gegangen und bekennen sich heute, was vor 1914 nur einige taten, zu den Grundsätzen der Politik der englischen Labour Party.

Aber die Westeuropäer sind nun mal nicht Engländer. Die Holländer gleichen den Engländern noch am ehesten. Hier schlug das Pendel auch am stärksten nach rechts aus. Die Sozialdemokratie schloß sich mit einigen linksbürgerlichen Gruppen zusammen und wurde zur Arbeiterpartei. Und sie hat die Zusammenarbeit mit den Kommunisten abgelehnt, als dies zur Bedingung für eine Regierungsbildung mit dem politischen Katholizismus gemacht wurde. In Belgien möchten die Führer der Sozialdemokratie, van Acker und Spaak, gern denselben Weg gehen, obgleich der politische Katholizismus dort weiter rechts eingestellt ist, aber sie sind im Parteiausschuß in der Minderheit geblieben. Dasselbe gilt für die alte Garde der französischen Sozialdemokratie, wie Léon Blum, Vincent Auriol und Gouin, die auf dem kürzlich abgehaltenen Parteitag der französischen Sozialdemokratie auf eine Wiederwahl in den Parteiausschuß verzichteten. In Italien steht die Führung etwas weiter links – die Tendenz ist also von Norden nach Süden einheitlich, aber Nenni ist nur für ein Zusammengehen mit den Kommunisten, nicht dagegen für einen Zusammenschluß. Die Politik der Sozialdemokratie ist in allen westeuropäischen Ländern die der Labour Party, aber sie findet bei der Bevölkerung nicht dasselbe Echo wie in England. Diese Politik zündet in Westeuropa nicht.

Die Wahlerfolge blieben hinter den Erwartungen zurück. Nirgendwo ist die Sozialdemokratie die stärkste Partei, obwohl sie damit gerechnet hatte. Sie steht in Frankreich sogar nur an dritter Stelle. Sie ist nicht nur eine Partei der Arbeiter, sondern auch der Kleinbürger geworden. Die führende Stellung unter den Arbeitern und in den Gewerkschaften ist zum Teil an die Kommunisten übergegangen, vor allem in Frankreich. Die Sozialdemokratie hat dagegen das Erbe linksbürgerlicher Parteien weitgehend angetreten, so in Frankreich das der Sozialistisch-Radikalen, in Belgien und in Italien das der Liberalen. Überall besteht die Gefahr eines weiteren Rückganges des Einflusses auf die Arbeiter. In Belgien haben zum Beispiel in den letzten Monaten die sozialdemokratischen Ministerpräsidenten van Acker und Huysmans mehrfach in fast verzweifelt klingenden Aufrufen die Arbeiter auffordern müssen, sich an ihre alte gewerkschaftliche Tradition zu erinnern und die Parolen ihrer sozialdemokratischen Führer zu beachten – aber von einer anderen Arbeiterpartei kamen eben andere Parolen. Die Lage wird sich eher verschärfen, zumal die Frage, wer den Krieg zahlen soll, noch offen ist und die Arbeiter erbittert reagieren werden, wenn nach dem starken Rückgang ihres Einkommens weitere Lasten auf sie abgewälzt werden.

Die Unzufriedenheit der Massen ist erheblich. Wie immer in solcher Lage, tendieren die Massen nach links. Überall kommt eine Opposition auf gegen die sogenannte Verbürgerlichung der Sozialdemokratie und für ein Zusammengehen mit den Kommunisten. Auf dem Parteitag der französischen Sozialdemokratie wurde diese Opposition von Guy Mollet angeführt, der bezeichnenderweise aus dem Bergarbeiterrevier kommt. Die Linke hat jetzt die Mehrheit im Parteiausschuß. Guy Mollet ist der neue Parteisekretär. Die alte Garde ist abgetreten. Der Sieg der Linken war eindeutig, aber im entscheidenden Moment bekam die Linke Angst vor dem eigenen Mut. Sie strebte sofort, wieder zur Mitte. Einige Tage später wurde Léon Blum wieder als Leitartikler des Parteiorgans bestätigt, obgleich er auf dem Parteitag ein Mißtrauensvotum hatte hinnehmen müssen. Es wurde sogar der gemeinsame Ausschuß der Kommunistischen und Sozialdemokratischen Partei aufgelöst.