Wegen Verächtlichmachung des Friseurstandes, sagt eine Meldung aus Dresden, mußte Sternheims "Hose" abgesetzt werden. Es ist also wieder soweit in unserem Vaterlande, wo Staatsformen vergehen, Reiche zerbrechen, Weltanschauungen wechseln können, wo aber die eine fundamentale Weltanschauung stehenbleibt wie ein Rocker de bronze: die deutsche Standeswürde, die uns zu allen Zeiten und in aller Welt so ungemein beliebt gemacht und zwei so klassische Kennzeichen hervorgebracht hat wie das deutsche Dienstgesicht und die Frage: "Wissen Sie, wen Sie vor sich haben?"

Die Dresdner Bühne wußte nicht, daß sie streitbare Friseure vor sich hatte, und um nicht ans Rasiermesser geliefert zu werden, beeilte, sie sich, beim ersten Wutschaumschlagen die anstößige Hose beiseite zu hängen. Wenn nur irgendeine Standeswürde siegt und koste es eine Blamage!

Es liegt uns fern, allein die sächsischen Friseure tadeln zu wollen, während doch ein Bericht aus Bayern zeigt, daß selbst Minister vom Erbübel des deutschen Dienst- und Kompetenzendünkels nicht weniger angekränkelt sind. – Als es in der letzten Sitzung der Verfassunggebenden Versammlung in München bei der Frage, ob man einen bayrischen Staatspräsidenten brauche oder nicht, zu Auseinandersetzungen kam, rief der Vorsitzende der Freien Demokratischen Partei, Dr. Dehler, dem aus dem Sitzungssaal enteilenden Ministerpräsidenten Dr. Hoegner nach: "Sie sind ein Feigling, wenn Sie der Abstimmung fernbleiben!" Zugegeben, das war nicht fein. Aber es war "rein menschlich" gesprochen! Allerdings rein menschlich grob. Dr. Hoegner aber schwang sich mit fliegenden Rockschößen auf den dienstlichen Thron: "Seien Sie still, oder ich lasse Sie abführen!" Nun trifft es sich aber, daß Dr. Dehler, der zwar "rein menschlich" bloß Abgeordneter ist gleich Dr. Hoegner. daneben "rein dienstlich" auch etwas darstellt, indem er den Posten eines Generalstaatsanwalts bekleidet. Wollte er nicht wahrhaben, daß Dr. Hoegner als Ministerpräsident "mehr" sei als er, der Generalstaatsanwalt? Kurzum, er rief: "Hören Sie alle, meine Herren, der bayrische Ministerpräsident will mich verhaften lassen!" Und Dr. Hoegner trumpfte auf: "Wie benehmen Sie sich einem Vorgesetzten gegenüber?" Er hätte genau so gut sagen können: "Wissen Sie nicht, wen Sie vor sich haben?"

Eine süddeutsche Zeitung, der wir die Kenntnis dieses Dialogs verdanken, deutet an, was hier nachwirke, sei noch Gift aus den Tagen der Hitler-Despotie. Wir möchten dem nicht zustimmen; wir finden es "rein menschlich" nicht fein, wie man allerorten heute zum Schimpf eines x-beliebigen Zeitgenossen das Schreckgespenst der Nazizeit an die Wände zu malen pflegt, wie es die Nazis mit der "Systemzeit" ja auch zu tun pflegten. Nein, solches ist im Falle Dr. Hoegners sicherlich fehl am Platze – sonst wäre er heute nicht Ministerpräsident. Es ist "nur" ein altes Erbübel von uns Deutschen, daß selbst "rein menschlich" sympathische Leute höchst seltsam wirken, wenn ihnen in der Aufregung ausgerechnet die Berufswürde aus den Nähten platzt, gleichgültig, ob es sich um Friseure oder Minister, ob es sich um die Staatspräsidentenfrage handelt oder um eine literarische Hose. M.