Von Hanns Braun

Als es in Bayern noch Fremde gab, die auch mal wieder abreisten, galt es unter den Einheimischen für ausgemacht, daß die schönste Jahreszeit anhebe, sobald die Gäste fort waren. Das war nicht – wofür so viele schlicht-bayrische Entstellungen gehalten werden – eine fremdenfeindliche Äußerung, sondern Erfahrungstatsache. Sie hatte mit den Sommerfrischlern höchstens insoweit zu tun, als auf ihren Rekreationsbetrieb natürlich ein ironisches Licht fiel wenn er auch noch zum verkehrten Zeitpunkt stattfand. Denn im Juni, Juli, auch im August, konnte es so über die Maßen sommerfrisch werden, daß die Weithergereisten jämmerlich an ihren verwegen entblößten Schnackelknien froren und am Kachelofen laut darüber zu sinnieren begannen, ob das nun eigentlich "det" Richtige sei. "Nie wieder Bayern!" schworen sie sich mit enzianerwärmter Kehle zu, um es dann ein Jahr später doch noch einmal zu versuchen.

Schon bei der Ankunft hört es dann wohl der Wiederkömmling: daß gleich nach seiner Abreise im vorigen Jahr das Wetter wunderbar geworden sei, warm und sonnig auf Wochen hinaus! Dabei überhört er wieder, was sie ihm jetzt schon zum zehnten Male anvertrauen: daß das Wetter da heroben am schönsten, wenn die Sa-ison vorüber, das heißt: wenn die Herrschaften wieder in der Stadt seien bei ihren Geschäften. Sie haben wirklich. nie ein Geheimnis daraus gemacht, unsere Hinterhältler. Aber die Richtschnur, Sa-ison genannt, gründet auf andere Dinge als auf Erfahrungen, in Bayern wie anderswo.

Inzwischen ist Bayern ein Land geworden, aus dem die Fremden nicht nur nicht abreisen, sondern in das immer noch mehr Fremde hineinströmen, zu allen vier Jahreszeiten, zugewiesene und nichtzugewiesene, die aber der Einfachheit halber such oft "Verschleppte" genannt werden. Das hat indessen die Wetterverhältnisse vorerst nicht umgestürzt. Und wiewohl seit Kriegsende auch hier Frühling und Sommer zu unserer Vertröstung in ungewöhnlichem Glanze erstrahlten, ist der Herbst seiner Bestimmung, da heroben die schönste Jahreszeit zu sein, nicht enthoben worden, sondern hat ihr treu bleiben dürfen.

Der Grund hierfür trägt einen ganz bestimmten Namen. Und der heißt "Föhn". Damit bezeichnet man bekanntlich jene am ganzen nördlichen Alpenrand bekannte Wetterlage, bei der das Barometer auf Schlechtwetter zeigt, der Himmel selber aber stürmisch blau, die Luft backofenwarm, die Sonne golden und das Gebirge "ganz nahe", ist. Auch die Menschen sind anders als sie sein sollten: gereizt und verwirrt zugleich, so daß Schreibfehler, eheliche Kräche und Verkehrsunfälle, wahrscheinlich auch Verbrechen, an Föhntagen über das gewöhnliche Maß hinausgehen. Aber wenn so der Föhn das ganze Jahr über recht lästig werden kann, vor allem für die, die arbeiten möchten und dann nicht können, wenn er im Winter gleich auch von den Schifahrern mitverwünscht wird, weil er ihnen im Nu den schönsten Pulverschnee verdirbt – im Herbst, im Herbst möchte ihn doch niemand bei uns missen. Denn da erweist er sich als der glorreichste Sommerverlängerer, den es gibt. Man hat innerlich schon mit der schönen Jahreszeit abgeschlossen: die ersten Morgennebel sind eingefallen, braune gelbe Ahornblätter segeln zu Boden, die hartnäckig grünen Tomaten hat der Reif verdorben, betrübt neigen die Astern ihre Strahlenhäupter, und während du entdeckst, daß die Schwalben über Nacht fortgezogen sind, keimt dir im Herzen der urweltliche Graus vor dem Winter als der Zeit, in der uns Frieren und Hungern verordnet ist. Da auf einmal kommt ein Tag herauf, der all das Befürchtete wie auf einer glühenden Woge hinwegträgt: es ist blau, es ist wann; der Sommer, den du schon verabschiedet hast, kehrt zurück. Und wenn du auch genau weißt, daß es ein Herausspringen aus dem natürlichen Ablauf der Dinge so nicht gibt, genießest du doch diese scheinbare Umkehr als einen wunderbaren Anhauch göttlicher Freiheit. Und ist er das nicht? Denn es sind ja "geschenkte" Sommertage, unverhofft und unverdient hergezauberte, und der Zauber erneuert sich oft bis in den November hinein.

Diese herbstlichen Föhntage sind zugleich das dramatischste Wetter, das sich im Binnenlande denken läßt. Denn während der Sturm gewöhnlich in einer Richtung hinwegtobt und die sommerlichen Gewitter mit ihren Orgeln hinter den Horizonten auffahren, ohne sich allzuviel umeinander zu kümmern, erleben wir bei Föhn vor unsern Augen den Kampf der Wetterfronten. Wie mit dem Messer gekantet, rückt von der Donau herauf eine Wolkenbarre vor, und schon wird die Flut von Bläue über uns gegen den Alpenkamm zurückgedrängt. Nun kann es wohl nicht lange mehr dauern, so fällt der Regen, der dem Barometerstand entspricht. Aber unversehens gewinnt das Blaue noch einmal Macht. Das Wolkenheer weicht nach Norden zurück oder löst sich auf. Die Sonne tritt in ihre sommerlichsten Rechte, während die Berge, schräg angestrahlt, fast schwarz und zum Greifen nah, den Südhimmel zäunen. Dieser Kampf, der irgendwie in unsern zugleich erregten und betäubten Sinnen mitausgetragen wird, kann sich viele Male wiederholen, ja über Tage hinziehen, bis ihn der allesverschwemmende Regen endet.

Die Gelehrten haben für diese Vorgänge ihre genauen Vorstellungen und Erweise. Sie sagen, daß der Föhn darum so warm sei und wolkenauflösend wirke, weil er als Fallwind vom Alpenkamm herniederbrause und sich im Fallen erwärme. Das soll auch gar nicht bestritten werden. Nur, daß ich es halt gestehe, mir war diese Deutung nie genug. Sie ist so banal, und ich sehne mich einfach nach einem fülligeren Bild für eine so füllige und wilde und doch immer rätselhafte Sache. Und darum halte ich mich nach wie vor in meinem Herzen an die falsche Vorstellung, daß an Föhntagen die warmen Lüfte des geliebten, jetzt eben so ferne gerückten Italien über die Alpenmauern gleichsam, herüberschwappen – als ein Gruß und Trost und als eine spürbare Bürgschaft dafür, daß auch wir hierzulande, bayrischerseits, am Süden teilhaben, an seiner Strahlenkraft und wilden Wärme, aber auch an seiner vermenschlichenden Heiterkeit, inmitten einer herbstlichen Welt.