Im Fragebogen zur Volkszählung 1946, gültig für die britische Zone, können wir die Frage lesen, ob wir lesen können. Nein, anders: es wird gefragt, ob wir "des Lesens kundig" seien. Diese Konstruktion, von ferne an Latein gemahnend, klingt vornehmer und nicht gänzlich botokudisch. Und wenn wir lesen können, ob wir lesen können, so können wir auch die Frage lesen, ob wir schreiben können beziehungsweise ob wir "des Schreibens kundig" sind. Wenn wir alles dessen nun kundig sind, so schreiben wir "ja"; sind wir aber unkundig, so müssen wir dennoch schreiben – nämlich "nein"; in der Anmerkung zu diesem Punkt des Fragebogens steht nichts davon, daß sich der des Schreibens Unkundige mit einem Kreuzchen behelfen könnte, wie dies in romantischen Zigeunerromanen vorkommt oder in Reisebeschreibungen aus dem Urwald. Die Anmerkung besagt nur, daß die Deutschen, soweit sie später als 1932 geboren sind, diese Frage nicht zu beantworten brauchen. Die Frage richtet sich eben speziell an die erwachsenen Deutschen. Von diesen Deutschen – soweit sie "kundig" sind – haben viele in den Büchern eines gewissen Charles Dickens gelesen, daß es zu jener Zeit im Lande des Autors keinen Schulzwang gab, während die armen Kinder in Deutschland unter hartem Druck gezwungen wurden, lesen und schreiben zu lernen. In Deutschland, wenigstens in Deutschland sind Lesen und Schreiben also eine alte Kunst. Ob Bücher oder Zeitungen, Inschriften oder Anordnungen, Gedrucktes oder Geschriebenes – die Deutschen können fast alles lesen, und sie wundern sich über gar nichts mehr, es sei denn manchmal über Fragebogen...

Um so interessanter müßte es denn freilich sein, die Ausnahmen von der Regel, die "Unkundigen", die Analphabeten, aufzuspüren. Ob die Männer, die zu dieser Zeit mit ratternden Motorsägen in Germaniens degenerierte Wälder vorstoßen, wohl noch auf einfältige Eremiten treffen, die weder lesen noch schreiben können, wie dies in jener uns sonst so nahe gerückten Zeit am Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht ungewöhnlich war? Nein, das ist kaum wahrscheinlich. Wohl gibt es Leute, die durch Hunger und Entkräftung an Sehstörungen leiden – aber lesen können sie noch. Wohl gibt es Leute, deren ungeheizte Wohnungen so feucht und kalt und deren Finger so "klamm" sind, daß sie den Federhalter nicht gut halten können – aber schreiben können sie noch. Wo sind in Deutschland die Analphabeten?

Des Lesens und des Schreibens kundig, sind wir versucht zu fragen, ob denn der Fragebogenverfasser des Nachdenkens kundig sei. Bei etwas Nachdenken hätte er nämlich herausgefunden, daß Westdeutschland auch als Gebiet der britischen Zone noch immer in Europa liegt. M.